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Kritik:Da steckt Meer dahinter

Pressebilder: Kammerspiele.Pressefotos zu unserem Kindertheaterstück "Abtauchen, auftauchen" welches am Sa, 12.6. Premiere an den Kammerspielen feiern wird. 


Die Fotografin ist Sandra Singh.

Walter Hess als Oktopus in einem Kinderstück der Kammerspiele.

(Foto: Sandra Singh)

Die Kammerspiele zeigen ein Kinderstück

Von Yvonne Poppek

Zur Unterwasserwelt geht es ins Untergeschoss, einmal Therese-Giehse-Halle und dann die Treppe hinab. Dunkel ist es da, ein großer Oktopus aus Rohren greift in den Raum, Sitzkissen in Muschelform liegen angeordnet auf dem Boden, ein paar Fische, eine Qualle dümpeln von der Decke. "Abtauchen & Auftauchen", so lautet der Titel der bespielbaren Unterwasser-Installation (Bühne: Marie Häusner), in der Regisseurin Verena Regensburger einen Nachmittag aus zwei Kapitel eingerichtet hat, eines für Kinder von sechs Jahren an, eines für "Erwachsene und Wachsende". Speziell der erste Teil ist für das Haus an der Maximilianstraße ein Novum.

Theater für Kinder ist nicht das, was üblicherweise auf einer der Kammerspiel-Bühnen zu sehen ist. Bei den städtischen Häusern liegt dieser Bereich fest in den Händen der Schauburg. Beide Häuser brechen nun gemeinsam diese strikte Trennung auf, wollen enger zusammenwachsen. Aus der Presseabteilung der Kammerspiele heißt es, "wir werden in Zukunft unser Repertoire beziehungsweise Zielgruppen erweitern". Noch im Juli werde die Schauburg-Produktion "Frühlings Erwachen" im Schauspielhaus zu sehen sein. Im selben Monat soll auch eine Performance für Kinder zum Thema Kolonialismus im Habibi Kiosk erscheinen.

Vorreiter in Sachen Theater für jüngeres Publikum ist nun die Produktion "Abtauchen & Auftauchen". Und da zeigt sich, dass die Repertoire-Erweiterung wunderbar funktioniert: "Kapitel 1: Ein Regenbogenfisch / Zwei Oktopusse" bietet sehr lustige und liebevolle 45 Minuten. Und dass, obwohl Regisseurin Regensburger den Kindern durchaus auch Schwierigeres zumutet. Wörter wie "Narzisst" oder "ignorieren" sind nicht unbedingt jedem Sechsjährigen geläufig. Und anfangs lässt die Produktion die Zuschauer auch etwas zappeln, weiß man doch nicht, wohin die Geschichte treiben soll.

Sebastian Brandes und Walter Hess tauchen in der Unterwasser-Welt als zwei Oktopusse auf. Hess als Veterano weist den jüngeren Giovanni in die Verhaltensweisen ihrer Spezies ein. Es geht darum, agil und flexibel zu bleiben, was besonders beim Oktopus-Yoga praktiziert werden kann. Farbwechsel oder Gift-Übungen gilt es zu verstehen. Und natürlich muss man vor dem "Pyjamahai" schnell in Deckung gehen. Wasserpistolen kommen zum Einsatz, ein Luftballon-Hai wird wundersam durch den Raum gesteuert, die Kinder dürfen an Giovannis Fangarmen ziehen. Kurzum: Es geht um Interaktion, um Oktopus-Wissen verpackt in Spaß und dann natürlich um den großen Theaterzauber, wenn Hess und Brandes die Geschichte von Marcus Pfisters bekannten Kinderbuch "Der Regenbogenfisch" lesen, spielen, aufbrechen, interpretieren. Ein starkes Finale, durch das das erste Kapitel seine entscheidende Form erhält. Hess deutet seine Rolle elegant-tänzelnd aus, wahrt respektvoll die Distanz zum erlesenen Zuschauerkreis. Brandes obliegen die Späße, die - natürlich Corona-konforme - Interaktion. Zusammengenommen: ein Vergnügen.

Das zweite Kapitel, das eine halbe Stunde dauert, ist von der Anlage komplett anders. Nur Personen aus einem Haushalt dürfen gleichzeitig zuschauen. Sie liegen auf Kissen, blicken in einen Bullaugen-Bildschirm, auf dem Meer und Meerestiere gezeigt werden, und lauschen Walter Hess' Stimme vom Band, wie er aus Vilém Flussers "Vampyroteuthis Infernalis" liest, einem Gedankenspiel um Mensch und Oktopus. Hess liest natürlich famos, Flussers Betrachtung ist interessant. Die Abgeschiedenheit, der Bildschirm, das hat man allerdings lange gehabt. Die Lebendigkeit des ersten Teils ist futsch. Statt dessen besinnliches Zuhören, Reflektieren. Auch eine Möglichkeit.

© SZ vom 16.06.2021
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