Süddeutsche Zeitung

Kritik an Zeugnissen:"Alle Noten abschaffen!"

Am Freitag gibt es Zwischenzeugnisse. Die Chefin des Münchner Lehrerverbandes attackiert das Zensurensystem.

Christa Eder

An diesem Freitag gibt es Zwischenzeugnisse. Viele Eltern beklagen, dass schon in der Grundschule der Notendruck steigt. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) möchte das Zwischenzeugnis abschaffen und plädiert stattdessen für regelmäßige "Vertrauensgespräche zwischen Lehrern und Eltern". Waltraud Lucic, Vorsitzende des Münchner Bezirksverbandes, geht noch weit darüber hinaus. Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung bezeichnet sie den Leistungsdruck als "verrückt" und wirft dem Notensystem vor, die Lehrer zu "Aussortierern" zu machen.

SZ: Sie wollen das Zwischenzeugnis abschaffen. Warum nicht alle Zeugnisse?

Lucic: In der Konsequenz müsste man alle Noten abschaffen, ebenso das Sortieren nach der vierten Jahrgangsstufe Gleichzeitig müssten wir eine längere gemeinsame Schulzeit einführen und eine Pädagogik, die die Schüler zur Selbständigkeit erzieht. Lehrer sollten Lernbegleiter sein, nicht Aussortierer. Das wäre ideal.

SZ: Glauben Sie denn, Schule funktioniert ganz ohne Bewertung?

Lucic: Es muss schon ein Bewertungssystem geben. Aber es sollte differenzierter und individueller sein. Ziffernnoten halten wir für wenig aussagekräftig, sie teilen aber Kinder in Gewinner und Verlierer ein. Wir stellen uns stattdessen regelmäßige Gespräche zwischen Eltern und Lehrern vor, in denen deutlich wird, wo die Stärken des Kindes liegen und wo es noch Schwächen hat. Eine Art Lernwegbeschreibung, könnte man sagen.

SZ: Also ein Zeugnis mit Worten statt mit Ziffern?

Lucic: Nein, wir wollen kein herkömmliches Zeugnis, sondern einen pädagogischen Leistungsbegriff, der das Selbstbewusstsein und die sozialen Kompetenzen entwickelt. Zensur geht von einem wirtschaftlichen Leistungsbegriff aus. Die traditionelle Benotung zielt darauf ab, auszusortieren. Kinder lernen für Prüfungen, spucken ihr Wissen aus und vergessen es dann wieder. Das ist absurd.

SZ: Und Schüler können Selbstbewusstsein und soziale Kompetenzen nicht unter Notendruck erwerben?

Lucic: Noten sind nicht hinderlich, solange sie gut sind. Dann sind die Kinder motiviert, stolz und selbstbewusst. Aber wir haben genügend Kinder, die keine guten Noten haben, dann wird es schwierig. Viele Kinder machen sich Druck oder leiden sogar unter Prüfungsangst.

SZ: Wenn Sie Noten ablehnen, müssen Sie konsequenterweise auch das dreigliedrige Schulsystem abschaffen. Welches Modell stellen Sie sich vor?

Lucic: Ich befürworte neun gemeinsame Schuljahre. Es gibt Modellversuche in Hamburg und Hessen, die gut funktionieren. Die Kinder gehen dort länger gemeinsam zur Schule und bekommen erst Noten, wenn sie in eine andere Schulart wechseln. Ansonsten gibt es Lernentwicklungsberichte, die aufzeigen, unter welchen Bedingungen das Kind gut lernt, wo es Fortschritte macht, wo es Schwierigkeiten hat und wo es Hilfe braucht.

"Alle Noten abschaffen!"

SZ: Ihre Konkurrenz, der Philologen- und Realschullehrerverband, lehnt die Abschaffung von Noten kategorisch ab. Dort heißt es, Schüler wollen Noten, damit sie wissen, wo sie stehen.

Lucic: Kinder kennen ja nichts anderes als die Bewertung durch Noten. Wenn man einem Kind sagt: Schau her, diese Rechenart kannst du gut, aber der Lösungsweg ist noch umständlich - dann weiß das Kind auch genau, wo es steht.

SZ: Aber kämen Kinder, die in der Schule so erzogen werden, später in der Leistungsgesellschaft zurecht?

Lucic: Warum sortieren wir nach der vierten Klasse aus und bringen den Kindern später mühsam Team-, Integrier-, Kooperationsfähigkeit bei? Das ist derselbe Widerspruch. Für mich ist das kein Argument, schon in der Grundschule oder noch früher Druck zu machen, damit das Kind im Alter von 20 Jahren den Wettbewerb besteht. Wir wissen, dass sich Kinder in einer angstfreien Umgebung viel besser entwickeln.

SZ: Wo ist der Druck am größten?

Lucic: In der vierten Klasse, wenn die Entscheidung ansteht: Gymnasium, Real- oder Hauptschule. Eltern denken, dass es dabei um die Lebensentscheidung geht, obwohl es Alternativen gäbe.

SZ: Die aber oft zeitaufwändige Umwege sind. In Finnland kann jeder zu jeder Zeit Prüfungen nachholen - der Weg nach oben ist immer offen. Wäre das keine Alternative für uns?

Lucic: Das probiert man ja schon. Inzwischen können Handwerksmeister an der Uni studieren, das sind schon gute Ansätze, aber warum macht man unten so viel Druck? Schauen Sie mal in die Grundschulen, wie viele Kinder in Nachhilfe gehen, Psychopharmaka nehmen oder in Therapie sind. Das ist verrückt!

SZ: Glauben Sie, dass in Bayern jemals Zeugnisse abgeschafft werden?

Lucic: Unser Verbandspräsident sagt: "Du musst daran glauben, dann wirst du es erreichen." Also glaub' ich dran - aber ich werde es nicht mehr erleben.

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Quelle:
SZ vom 13.02.2009
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