Kritik an Zeugnissen "Alle Noten abschaffen!"

SZ: Ihre Konkurrenz, der Philologen- und Realschullehrerverband, lehnt die Abschaffung von Noten kategorisch ab. Dort heißt es, Schüler wollen Noten, damit sie wissen, wo sie stehen.

Lucic: Kinder kennen ja nichts anderes als die Bewertung durch Noten. Wenn man einem Kind sagt: Schau her, diese Rechenart kannst du gut, aber der Lösungsweg ist noch umständlich - dann weiß das Kind auch genau, wo es steht.

SZ: Aber kämen Kinder, die in der Schule so erzogen werden, später in der Leistungsgesellschaft zurecht?

Lucic: Warum sortieren wir nach der vierten Klasse aus und bringen den Kindern später mühsam Team-, Integrier-, Kooperationsfähigkeit bei? Das ist derselbe Widerspruch. Für mich ist das kein Argument, schon in der Grundschule oder noch früher Druck zu machen, damit das Kind im Alter von 20 Jahren den Wettbewerb besteht. Wir wissen, dass sich Kinder in einer angstfreien Umgebung viel besser entwickeln.

SZ: Wo ist der Druck am größten?

Lucic: In der vierten Klasse, wenn die Entscheidung ansteht: Gymnasium, Real- oder Hauptschule. Eltern denken, dass es dabei um die Lebensentscheidung geht, obwohl es Alternativen gäbe.

SZ: Die aber oft zeitaufwändige Umwege sind. In Finnland kann jeder zu jeder Zeit Prüfungen nachholen - der Weg nach oben ist immer offen. Wäre das keine Alternative für uns?

Lucic: Das probiert man ja schon. Inzwischen können Handwerksmeister an der Uni studieren, das sind schon gute Ansätze, aber warum macht man unten so viel Druck? Schauen Sie mal in die Grundschulen, wie viele Kinder in Nachhilfe gehen, Psychopharmaka nehmen oder in Therapie sind. Das ist verrückt!

SZ: Glauben Sie, dass in Bayern jemals Zeugnisse abgeschafft werden?

Lucic: Unser Verbandspräsident sagt: "Du musst daran glauben, dann wirst du es erreichen." Also glaub' ich dran - aber ich werde es nicht mehr erleben.