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Kritik an den Plänen der Bahn:Maximaler Bürgerschutz

Gelb und riesig: Der Eisenbahnkran, der gerade am Nebengleis an der Thomas-Hauser-Straße Baumaterial für Gleisarbeiten herumwuchtet, zeigt, wie nahe die Züge hier an der Wohnbebauung vorbeirattern könnten.

(Foto: Privat)

Die SPD unterstreicht ihre Forderung nach einem Tunnel für den Gleisausbau zwischen Daglfing und Johanneskirchen analog zur unterirdisch geplanten Trasse des Brenner-Nordzulaufs im Inntal. Nötig sei eine politische Entscheidung

Von Nicole Graner, Trudering/Daglfing

Man muss wirklich zweimal hinsehen, um es zu glauben: Ganz nah am Zaun der Einfamilienhäuser an der Thomas-Hauser-Straße in Trudering steht gerade ein gelber Eisenbahnkran auf Schienen. So nah, dass man meinen könnte, er stehe im Garten eines der Anwohner. Nur ein paar Meter weiter soll, wenn es nach der Deutschen Bahn AG geht, die Truderinger Kurve in der oberirdischen Trassenvariante A 1 gebaut werden. Gerade lagert die Bahn dort Material für Gleisarbeiten. Und plötzlich wird die Dimension klar, plötzlich begreift man, was es für die Anwohner dieser Bahnstrecke bedeuten könnte, wenn einmal an die 740 Meter lange Containerzüge mit 80 Stundenkilometern an ihren Häusern vorbeirauschen.

Die Thomas-Hauser Straße ist ein Beispiel dafür, "was auf die Menschen zukommt" und wie die Deutsche Bahn AG "mit den Menschen umgeht", erklärt der stellvertretende verkehrspolitischer Sprecher der SPD/Volt-Fraktion im Stadtrat, Andreas Schuster, bei einer Pressekonferenz am Mittwoch. Grund genug auch für die Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der Münchner SPD, Claudia Tausend, für den verkehrspolitischen Sprecher der Partei im Stadtrat, Nikolaus Gradl, und für Klaus-Walter Kröll, Vorsitzender der Bürgerinitiative (BI) "Für Bahntunnel von Zamdorf bis Johanneskirchen", noch einmal ganz deutlich den bereits vom Stadtrat beschlossenen Tunnel zu fordern.

Auslöser dafür war die vor Kurzem beschlossene und von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) befürwortete "violette Variante" des Nordzulaufs zum Brenner-Basistunnel im Inntal und um Rosenheim. Hier würden nun, wie Klaus-Walter Kröll erläutert, 60 Prozent der Bahnstrecke, also 31,5 Kilometer, im Tunnel verlaufen. Die Kosten: sieben Milliarden Euro. Für die Münchner Tunnelstrecke von 2,9 Kilometern würden 2,3 Milliarden veranschlagt. "Wie passt das zusammen?", fragt sich der BI-Vorsitzende. Und warum gelten für Scheuer im Inntal Kriterien, die für München nicht gelten? Kriterien seien aus Sicht Scheuers unter anderem gewesen, dass es sich im Inntal um ein "Jahrhundertprojekt" gehandelt habe und der Widerstand der Bevölkerung durch eine Tunnellösung minimiert werden sollte, sagt Kröll.

Unterschiedliche Kriterien, unterschiedliche Kostenrechnungen und keine einheitliche Planung - es müssten, so fordert Kröll, keine "kleinteiligen" Entscheidungen der Bahn getroffen werden, sondern politische. Und zwar im Bundestag.

Der Brenner-Basistunnel mit seinen 64 Kilometern Länge, der Brenner-Nordzulauf, die Truderinger und Daglfinger Kurve, der viergleisige Trassenausbau zwischen Daglfing und Johanneskirchen - alles gehört zusammen. Der Trassenverlauf ende, so waren sich alle Teilnehmer der Pressekonferenz einig, nicht einfach vor den Toren Münchens, sonder führe durch dicht besiedeltes Stadtgebiet. Maximaler Lärmschutz gehe nur mit dem Tunnel. Eine Entscheidung soll "jetzt getroffen" werden. Dafür plädierte Nikolaus Gradl. Denn von der Trassenführung hingen ja auch weitere Bauvorhaben ab, wie zum Beispiel die Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme (SEM) im Münchner Nordosten, die Tramverlängerung bis nach Johanneskirchen, die U-Bahn-Verlängerung über den Arabellapark hinaus. Auch solle endlich das vor Monaten vom bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) angebotene Gespräch mit Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) stattfinden. Und endlich auch ein Bürgerdialog, wie Andreas Schuster betont.

Es kann aus Sicht der SPD nur eine Trasse geben: jene durch den Tunnel - und beim Projekt Truderinger Kurve und Truderinger Spange nur die Strecke, die die Anwohner "höchstmöglich" schützt. Die SPD fordert außerdem in einem Antrag, der in der nächsten Sitzung des Stadtrats eingebracht werden soll, nicht nur eine parlamentarische Befassung, sondern die gleichen Planungsgrundlagen wie im Inntal. "Eigentlich", so macht es Claudia Tausend deutlich, "kann man die Planung für die oberirdische Trasse beenden." Denn die Bahn habe den Widerstand der Bürger im Münchner Osten, anders als bei der Planung der Inntal-Trasse, wohl noch nicht "eingespeist".

Das Söder-Treffen beschleunigen und ein Treffen mit dem Verkehrsminister - auch das steht auf der Agenda von Claudia Tausend. "Unser Ziel ist und bleibt: Bürger- und Landschaftsschutz maximal, Lärm- und Umweltschutz bestmöglich", so habe sich Scheuer im Bezug auf die violette Inntal-Trasse und die Streckenführung im Tunnel geäußert. Und da will ihn Claudia Tausend beim Wort nehmen. Auch für den Münchner Osten.

© SZ vom 29.04.2021
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