Kriseneinsatz in München:"Schon ein explodierender Luftballon kann Panikreaktionen auslösen"

Kolonnen von Einsatzfahrzeugen, die mit Blaulicht und Martinshorn durch das nächtliche München rasen, Schüsse und Detonationen am Hauptbahnhof, eine Bahnsteigsperrung an der Stammstrecke wegen eines angeblichen "Feuerwehreinsatzes": Niemand konnte exakt vorhersagen, welche Folgen ein derartiges Szenario in einer Stadt haben würde, deren Bewohner die Silvesternacht 2015 und den Abend des OEZ-Anschlags noch in schrecklicher Erinnerung haben.

"Schon ein explodierender Luftballon am Hauptbahnhof kann Panikreaktionen auslösen", weiß Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä. Die Übung - ähnliche Testläufe hatten bereits in Frankfurt und Leipzig stattgefunden - wurde für die Münchner Polizei deshalb ein Drahtseilakt. Einerseits sollte sie so wirklichkeitsnah ablaufen wie nur irgendwie möglich. Andererseits wollte man weder Panik auslösen noch Einsatztaktiken preisgeben.

Nach den ersten Reaktionen der Verantwortlichen ist das offenbar gelungen. Er habe "beeindruckende und beklemmende Bilder gesehen", sagte der bayerische Innenminister, der während des laufenden Einsatzes zu den Schauplätzen geführt wurde. Andere Fachbesucher aus den verschiedenen Polizeibehörden, die Rede war von rund hundert, verfolgten die "Lelex"-Übung an Bildschirmen im Polizeipräsidium.

Direkt im Einsatzgeschehen waren dagegen Beobachter und "Schiedsrichter" der Polizei unterwegs. Ihre Aufgabe war es, in den laufenden Einsatz einzugreifen, Kollegen auf mögliche Fehler hinzuweisen - oder sie mit neuen, überraschenden Situationen zu konfrontieren. Wie gut die rund 1100 direkt am Einsatz beteiligten Landes- und Bundespolizisten die Herausforderungen gemeistert haben, werde die Auswertung in den kommenden Wochen ergeben, sagte der Präsident der Bundespolizeidirektion München, Karl-Heinz Blümel.

Er bescheinigte den Beamten jedoch bereits jetzt, professionell und schnell gehandelt zu haben. Zwischenfälle, gar ungeplante Verletzungen, habe es nicht gegeben, ergänzte Andrä. Und aus den ebenfalls doppelt - nämlich real wie für die Übung - besetzten Social-Media-Abteilungen der beiden erstmals in dieser Größenordnung gemeinsam übenden Polizeiorganisationen war ein erleichtertes Aufatmen zu hören: Auch im Netz waren Panikreaktionen ausgeblieben, die Münchner hatten die Übung als Übung erkannt.

Die Münchner blieben ruhig

Um "Lelex" so realistisch wie möglich zu inszenieren, spielten die Organisatoren zwischen 0 Uhr und 3.40 Uhr per Notruf sowie über die sozialen Netzwerke mehr als 1500 Meldungen, Hinweise und Anrufe ein, die wie im Polizeialltag auch zahlreiche Gerüchte und Fehldeutungen enthielten. "Dieses hohe Informationsaufkommen stellte die übenden Einsatzkräfte vor zusätzliche Herausforderungen", hieß es in einem ersten Fazit am frühen Morgen, "da hier relevante von unwichtigen Informationen getrennt und Gerüchte oder tatsächliche Hinweise schnell und sicher erkannt werden mussten."

Außerdem mussten während der Übung weitere, nicht im Dienst befindliche Einsatzkräfte alarmiert und wichtige Bereiche wie Tatortarbeit, Betreuung von Opfern und Zeugen sowie kriminalpolizeiliche Hintergrundermittlungen "live" anhand des laufenden Szenarios abgearbeitet werden. Viel Zeit zum Durchschnaufen wird die bayerische Polizei nicht haben. Bereits vom 19. auf den 20. Juni steht die nächste Ernstfallübung an. Wieder wird es um einen mutmaßlichen Anschlag gehen. Partner der Polizei auf dem Fliegerhorst Penzing bei Landsberg wird dann laut Herrmann die Bundeswehr sein.

Die "Lelex"-Nacht endet, wie sie begonnen hat. Wieder fallen Schüsse. In Panik rennen Menschen zwischen zwei abgestellten Zügen der Deutschen Bahn Richtung Ausgang, schreien um Hilfe. Einer wird durch einen Schuss ins Bein schwer verletzt. Mit Helmen geschützte Polizisten retten den Mann aus dem Schussfeld. Andere gehen gegen den Angreifer vor. Es ist eine nachgespielte Szene für die Presse - "kein Ausschnitt aus dem Übungsgeschehen", wie die beiden Polizeisprecher Thomas Borowik und Marcus da Gloria Martins versichern. Die Bilder sind dennoch beklemmend.

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