bedeckt München

Kriminalpolizei:Betrüger ködern Senioren mit Jackpot-Gewinnen - bis zu deren Pleite

  • Die Arbeitsgruppe "Phänomene" der Münchner Kriminalpolizei ermittelt gegen Betrüger, die Senioren aus Callcentern in der Türkei auffordern, Geld zu überweisen.
  • Die Strategie legen die Täter erst fest, wenn sie bereits mit dem Opfer in Kontakt sind - und sie schreiben sich alle Details auf.

Von Martin Bernstein

Die Betrugsakte liegt griffbereit. Aber nicht bei der Münchner Kriminalpolizei. Sondern irgendwo in einem Callcenter zwischen Ankara und Antalya. Von der Türkei aus operierende Telefonbetrüger locken ältere Münchner mit Gewinnversprechen, drohen mit der Polizei, benutzen ihre Opfer, um schmutziges Geld zu waschen. Und sie führen Dossiers - wann wer mit welchem Trick abgezockt werden soll.

Das miese Spiel dauert oft jahrelang. "Die hören erst auf, wenn ihr Opfer ruiniert ist", diese Erfahrung macht Uwe Dörnhöfer von der Arbeitsgruppe "Phänomene" der Münchner Kriminalpolizei immer wieder. Die Täter haben Zeit, viel Zeit: "Die setzen darauf, dass ihre Opfer älter werden. Und vergesslicher."

Wie perfide die Methoden der Abzocker sind, hat ein Rentner aus Laim erlebt. Mehr als 10 000 Euro überweist er im Jahr 2014 an Unbekannte. Eine gute Investition, wie der damals 67-Jährige glaubt. Denn schließlich habe er den Jackpot geknackt, hat ihm der Mann von der Gewinnspielfirma am Telefon versichert. Jetzt müssten nur noch die Gebühren bezahlt werden, und dann. . . Als der Gewinn ausbleibt, geht der Rentner zur Polizei.

Drei Jahre später, am 24. Oktober um 11 Uhr, meldet sich ein angeblicher Polizist wieder am Telefon. Wieder geht es um den Fall von 2014. Und wieder soll der jetzt 70-Jährige Geld überweisen. Die Details, die der Betrüger für seine Geschichte braucht, erfährt er durch geschicktes Fragen. Irgendwann weiß er genug, um dem Laimer die neue Legende aufzutischen. Die Täter von einst seien geschnappt, erzählt er. Und man könne ihren Komplizen in der Türkei dingfest machen - wenn das einstige Opfer helfe und mehrere tausend Euro via Moneygram in die Türkei schicke. Und wieder überweist der Laimer. Erst als die nächste Geldforderung kommt, wird er misstrauisch und geht zur Polizei.

Bei anderen Opfern warten die Täter nicht so lange. Ein Harlachinger überweist im Mai mehrere tausend Euro. Offene Rechnungen aus Gewinnspielverträgen seien das, behauptet der Anrufer. Wenn nicht gezahlt werde, drohe ein Inkassoverfahren. Der Mann überweist, ahnt dann den Betrug, geht zur Polizei. Doch kurz darauf kommt die gute Nachricht: 250 000 Euro im Glücksspiel gewonnen, meldet der Anrufer. Die Investition hat sich also scheinbar doch gelohnt. Selbst der kleine Haken am großen Gewinn stört den Harlachinger nicht. Dass er nämlich vor Auszahlung noch Gebühren in vierstelliger Höhe bezahlen muss. Und dann Steuern. Und dann Verwahrkosten. Und dann Transportgebühren. Er zahlt.

Unglaubliche Leichtgläubigkeit? Uwe Dörnhöfer warnt davor, die Tricks der Täter zu unterschätzen. Immer wieder wechseln die Täter ihre Strategien. Die Lügengeschichte wird erst während des Telefonats exakt festgelegt. Die deutschen Ermittler sind sich sicher: Das klappt nur, weil die Täter Buch führen über ihre Opfer. Wenn Dörnhöfer oder seine Kollegen ältere Menschen über Enkeltricks, falsche Polizeibeamte oder gefährliche Gewinnversprechen informieren und in die Runde fragen: "Wer hat denn schon einmal so einen verdächtigen Anruf erhalten?", dann heben drei von vier Zuhörern die Hand.

Seit Anfang November wurden der AG Phänomene fünf Fälle gemeldet mit Tausenden Euro Schaden. Und jeden Tag mindestens ein bis zwei Versuche. Die Dunkelziffer aber, die Fälle, in denen die Opfer aus Scham schweigen, ist riesig. Manche zahlen, bis sie nichts mehr haben. Und selbst wenn das Konto leer ist, ist noch immer nicht Schluss. Dann versuchen die Täter, die deutsche Bankverbindung zu kapern. Am Ende muss dann wieder die Kriminalpolizei ermitteln - gegen das Opfer, das sich nun auch noch der Geldwäsche schuldig gemacht hat. Und der Schutz vor solchen Betrügern? "Gewinne kosten kein Geld", sagt der Experte, "und Polizisten verlangen keine Überweisungen".

Erst recht sollte man stutzig werden, wenn sich - und da muss trotz des ernsten Themas sogar Uwe Dörnhöfer von der AG Phänomene schmunzeln - ein Anrufer als Kriminalpolizist ausgibt und sagt: "Mein Name ist Uwe von der Arbeitsgruppe."

© SZ vom 07.12.2017/libo
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema