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Kriminalität:Statistisch gesehen ist der Gang zum Hauptbahnhof besonders gefährlich

Am Hauptbahnhof nahm die Gesamtkriminalität im vergangenen Jahr um 4058 Fälle zu.

(Foto: Robert Haas)
  • Die Zahl der Opfer schwerer Straftaten ist im vergangenen Jahr in München um 5,5 Prozent gestiegen.
  • Die Gefahr, Opfer einer schweren Straftat zu werden, ist für Männer laut Statistik fast doppelt so hoch wie für Frauen. Und Nichtdeutsche leben in München gefährlicher als Deutsche.
  • Am Hauptbahnhof nahm die Gesamtkriminalität um 52,6 Prozent zu. Viele Delikte sind aber reine Kontrollstraftaten: Sie werden nur registriert, weil die Polizei präsenter ist.

Männer werden häufiger Opfer von Verbrechen als Frauen, Nichtdeutsche leben in München gefährlicher als Deutsche. Und ohne den Hauptbahnhof wäre "die sicherste Millionenstadt Deutschlands" (Polizeipräsident Hubertus Andrä) noch sicherer. So lassen sich die aktuellen Zahlen der Kriminalstatistik des Polizeipräsidiums zusammenfassen, wenn man sich vor allem den Opfern zuwendet.

Fast 21.000 Menschen sind im vergangenen Jahr in Stadt und Landkreis München Opfer von schweren Straftaten geworden. Dazu zählen laut Sicherheitsreport der Münchner Polizei, der am Freitagmittag von Kriminaldirektor Stefan Kastner vorgestellt wurde, Rohheitsdelikte wie Raub, Körperverletzung, Nötigung und Bedrohung, Sexualstraftaten und Tötungsdelikte. Das ist ein Anstieg um 5,5 Prozent. Die Einwohnerzahl stieg im selben Zeitraum lediglich um 1,3 Prozent.

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Die Gefahr, Opfer einer schweren Straftat zu werden, ist für Männer laut Statistik fast doppelt so hoch wie für Frauen. Und noch etwas ist auffällig: "Unterzieht man die Gewaltopfer einem geschlechterspezifischen Vergleich, gibt es signifikante Unterschiede", heißt es in der Kriminalstatistik. "Während Frauen vorwiegend Opfer von Beziehungstaten im persönlichen Umfeld werden, geraten Männer hingegen in aller Regel mit Tätern in Konflikt, zu denen keinerlei Vorbeziehung bestand." Fast drei Viertel der polizeilich registrierten Opfer kamen durch Körperverletzungen zu Schaden.

Viel wurde seit Jahresbeginn über von nichtdeutschen Tätern verübten Straftaten geredet. Der Anteil der Tatverdächtigen, die keinen deutschen Pass haben, lag in Stadt und Landkreis München vergangenes Jahr bei 47,7 Prozent. Das ist in etwa doppelt so hoch wie der Ausländeranteil an der Wohnbevölkerung im Bereich des Polizeipräsidiums. Überdurchschnittlich hoch ist aber nicht allein die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen - ähnliches gilt auch für nichtdeutsche Opfer. 8355 Ausländer wurden 2016 Opfer schwerer Straftaten. Das sind fast 40 Prozent aller Gewaltopfer in München und bedeutet eine Zunahme um drei Prozent.

Besonders gefährlich scheint statistisch betrachtet ein Gang zum Hauptbahnhof. Tag für Tag sind dort etwa eine halbe Million Menschen unterwegs. Die Gesamtkriminalität nahm dort um 52,6 Prozent auf 4058 Fälle zu. Doch der zweite Blick zeigt, dass auch diese Zahlen differenziert betrachtet werden müssen. Tatsächlich verzeichnete die Polizei am Hauptbahnhof 212 Rohheitsdelikte mehr als im Jahr zuvor. Fast verdoppelt hat sich auch die Zahl der Rauschgiftdelikte.

Letztere sind aber reine Kontrollstraftaten - je mehr die Polizei präsent ist, desto mehr Dealer erwischt sie. Ein Anstieg derartiger Straftaten in der Statistik belegt also nicht zwangsläufig, dass mehr gedealt wurde, sondern in erster Linie, dass die Polizei viele Rauschgiftkuriere und -händler geschnappt hat. Ähnliches gilt für die 338 ertappten Schwarzfahrer. Polizeipräsident Andrä bestätigt, dass der Hauptbahnhof sich nicht erst im vergangenen Jahr "als Einsatzbrennpunkt herauskristallisierte". Immerhin elf Straftaten werden dort Tag für Tag verübt.

Mehr als zwei Drittel der nachts verübten Rohheitsdelikte geschehen im Suff

Die Münchner Polizei räumt ein, dass die Sicherheitslage in München ohne die Kriminalitätszahlen vom Hauptbahnhof noch besser wäre. Besonders unsicher geht es dort naturgemäß nachts zu - und eine der Hauptursachen ist dann der Alkoholmissbrauch. Mehr als zwei Drittel der dort nachts verübten Rohheitsdelikte geschahen im Suff. Die Polizei begegnet dieser "bedenklich stimmenden" Lage nach eigenen Angaben mit einem Gesamtkonzept. Dazu gehöre vor allem eine möglichst hohe Präsenz von uniformierten und zivil gekleideten Beamten. Insgesamt 880 Einsätze verschiedenster Einheiten listet das Präsidium für 2016 auf.

Bei der Vorstellung des 88 Druckseiten umfassenden Sicherheitsreports - die wichtigsten Zahlen der Kriminalstatistik hatte Polizeipräsident Hubertus Andrä schon im März präsentierte - sagte der Leiter der Abteilung Verbrechensbekämpfung, Stefan Kastner, am Freitag: "Auf der Südseite das Bahnhofs gibt es Verwahrlosungstendenzen." Man arbeite eng mit der Stadt zusammen, denn es gehe um das gesamte Gebiet bis zum Stachus und zum Alten Botanischen Garten. In dem Areal gebe es tatsächlich eine erkennbare Zunahme der Rauschgiftkriminalität. Kastner: "Der Hauptbahnhof wird auch 2017 ein Schwerpunkt bleiben."

Pressesprecher Marcus da Gloria Martins sagt, wichtiger, als eventuell städtisches Personal zu bewaffnen, wäre es, den Alten Botanischen Garten als öffentlichen Raum zurückzugewinnen. Hilfreich sei es zum Beispiel, Büsche und Bäume zurückzuschneiden.

Bisher gibt es zwei polizeiliche Überwachungskameras am Bahnhofsvorplatz, in Kürze sollen es laut Kastner fünf werden.

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