Süddeutsche Zeitung

Kriminalität:München ist so sicher wie seit 30 Jahren nicht mehr

  • Die Münchner Kriminalstatistik für 2017 fällt so gut aus wie seit dem Jahr 1988 nicht mehr.
  • Wohnungseinbrüche, Gewalt auf den Straßen und zahlreiche andere Delikte sind deutlich zurückgegangen.
  • Was dem Polizeipräsidium Sorgen macht: Betrüger, die sich als echte Polizisten ausgeben.

Von Thomas Schmidt

München bleibt die sicherste Großstadt Deutschlands. Im Jahr 2017 verzeichnete das Polizeipräsidium in fast allen Kriminalitätsbereichen Rückgänge: Die Gewalt auf den Straßen nimmt ebenso ab wie die Zahl der Mord- und Totschlagsdelikte, Wohnungseinbrüche gingen im vergangenen Jahr massiv zurück und auch der Hauptbahnhof ist sicherer geworden.

Die Gesamtzahl aller Straftaten sank auf den niedrigsten Wert seit 1988, wenn man die Verstöße gegen das Aufenthaltsrecht herausrechnet. "So viel zu dem Eindruck, dass früher alles besser war", kommentierte Polizeipräsident Hubertus Andrä, als er am Freitag Münchens Kriminalstatistik für das Jahr 2017 präsentierte. Dabei musste er aber auch schlechte Nachrichten verkünden. Ein Überblick:

Straftaten insgesamt

Im Durchschnitt rückt die Münchner Polizei alle 103 Sekunden aus. Die Zahl der Notrufeinsätze ist im vergangenen Jahr auf mehr als 300 000 gestiegen, die Bevölkerungszahl wächst stetig. Dennoch sinkt die Zahl der Straftaten im langjährigen Vergleich deutlich. 2017 verbuchte die Polizei einen Rückgang um 14,7 Prozent auf nun 109 264 Delikte. Im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten ist das ein Spitzenwert.

Zur besseren Vergleichbarkeit rechnen Statistiker mit der Zahl der Straftaten pro 100 000 Einwohner. In München sind es 6201, in Frankfurt fast doppelt so viele (12 174) und in Berlin sogar 13 882. Zugleich ist die Aufklärungsquote der Münchner Polizei deutlich besser als die ihrer Kollegen. Während ihre Ermittler gut 62 Prozent aller Fälle lösen, gelingt das der Polizei in Berlin und Hamburg lediglich bei 44 Prozent der Verbrechen.

Mord und Totschlag

Im Zuständigkeitsbereich des Münchner Polizeipräsidiums, zu dem auch der Landkreis gehört, wurden 41 Mord- und Totschlagsdelikte erfasst. Das sind 17 weniger als im Jahr zuvor - ein Rückgang um fast 30 Prozent. In den meisten Fällen überlebte das Opfer, sieben Menschen starben jedoch durch ein Verbrechen. Die Aufklärungsquote der Polizei lag hier bei 100 Prozent, kein einziger Fall aus dem Jahr 2017 blieb ungelöst. Bei mehr als der Hälfte der Taten war der Verbrecher mit dem Opfer verwandt oder befreundet.

Gewalt und Raub

Die Straftaten im Bereich der Gewaltkriminalität sind 2017 ebenfalls zurückgegangen, insgesamt um 8,6 Prozent. Auch hier stehen die Chancen für die Täter schlecht, den Fahndern zu entwischen, die Polizei klärte acht von zehn Fällen auf. Raubdelikte sanken um elf Prozent, die Zahl der gefährlichen und schweren Körperverletzung nahm um gut acht Prozent ab. Oft ist Alkohol im Spiel, wenn die Fäuste fliegen. Bei knapp 40 Prozent der Körperverletzungen waren die Täter nicht mehr nüchtern.

Falsche Polizisten

Die Masche mit den falschen Polizeibeamten hat sich im vergangenen Jahr explosionsartig in München ausgebreitet. Die Täter gaukeln Senioren vor, ihre Wertsachen seien in Gefahr und sie müssten sie in Sicherheit bringen. In Wahrheit landen Geld und Schmuck in den Fängen der Diebe. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der Delikte um mehr als 1000 Prozent. Die Fahnder wissen von 3239 Fällen, die Dunkelziffer dürfte jedoch weit höher liegen. 40 Mal waren die Betrüger, die meist von Callcentern in der Türkei aus operieren, erfolgreich und schwatzten den alten Menschen insgesamt 4,3 Millionen Euro ab. Auch die Fallzahlen im Bereich der falschen Handwerker stiegen, allerdings vergleichbar harmlos um 7,5 Prozent auf 115 Fälle.

Wohnungseinbrüche

Nach einem Anstieg im Jahr 2016 ist die Zahl der Wohnungseinbrüche 2017 wieder gesunken. Mit minus 20,8 Prozent fällt der Rückgang überraschend deutlich aus. Insgesamt 1219 Mal versuchten Einbrecher, in fremde Häuser zu gelangen, doch nur bei jedem zweiten Versuch gelang es ihnen auch. Laut Polizeipräsident Andrä ein "deutlicher Beweis für wirksame technische Prävention". Die Aufklärungsquote verbesserte sich zwar, liegt mit 20 Prozent aber noch immer recht niedrig.

Vergleicht man die Zahl der Einbrüche mit anderen Großstädten, dann ist München mit weitem Abstand der sicherste Ort für eine Wohnung: Pro 100 000 Einwohner zählte die Polizei hier 67 Einbrüche, in Berlin waren es 234 und in Hamburg sogar 319, also fast fünfmal so viele. Allerdings stiegen die Zahlen in München zum Jahresanfang wieder deutlich an, im Januar 2018 hatten sie sich im Vergleich zum Vorjahresmonat fast verdoppelt. Mutmaßlich aufgrund reisender Täterbanden ist gerade diese Form der Kriminalität hohen Schwankungen ausgesetzt.

Drogen

Die Delikte im Betäubungsmittelbereich sind im Jahr 2017 um zwölf Prozent auf 1097 Straftaten gestiegen. In 68 Prozent der Fälle ging es dabei um Cannabis. Den massiven Anstieg erklärt sich Polizeipräsident Andrä aber nicht mit steigender Drogenkriminalität, sondern mit der effizienten Arbeit der Polizei. Drogendelikte sind klassische Kontrolldelikte: Weil sich Dealer und Konsumenten so gut wie nie gegenseitig anzeigen, werden die Straftaten nur dann aufgedeckt, wenn die Ermittler gezielt danach suchen. Je mehr sie kontrolliert, desto mehr findet sie also auch. "Zustände wie in Berlin, wo im Görlitzer Park Konsumenten bis zu 15 Gramm Cannabis straffrei besitzen dürfen, wird es in München nicht geben", betont Andrä. "Bei uns wird jeder Verstoß konsequent zur Anzeige gebracht."

Vergewaltigungen, ausländische Tatverdächtige und die Lage am Hauptbahnhof

Sexualstraftaten

1191 Mal wurde im vergangenen Jahr in München eine Frau sexuell belästigt, begrapscht, genötigt oder vergewaltigt. Das sieht zunächst nach einem deutlichen Anstieg aus, im Vorjahr erfasste die Polizei noch 882 Sexualdelikte. Allerdings hat sich die Rechtslage seitdem geändert. Vergewaltigungen können inzwischen auch dann als solche gewertet werden, wenn der Täter keine Gewalt anwendet. Andere Taten, wie zum Beispiel das Grapschen, wurden früher unter "sonstige Straftaten" eingeordnet. Gälte heute noch das alte Recht, würde man bei Vergewaltigungen einen Rückgang verzeichnen, erklärt Andrä.

Hauptbahnhof

7259 Straftaten wurden im Umfeld des Hauptbahnhofs erfasst, 15 Prozent weniger als im Vorjahr. Im inneren Bereich des Bahnhofs gingen die Fälle um 17 Prozent auf 3370 Delikte zurück. Jedoch komme es bei den Drogenabhängigen zu einem Verdrängungseffekt: Weil im Innern und im Norden intensiv kontrolliert wurde, wichen viele in den südlichen Bereich aus. Den Rückgang insgesamt erklärt Andrä mit nahezu täglich stattfindenden Schwerpunktkontrollen, die man auch künftig weiter durchführen werde. "Das", sagt Andrä, "ist ein Versprechen."

Politische Kriminalität

Im gesamten Jahr 2017 registrierte die Polizei nur eine einzige Straftat gegen Flüchtlinge: Der Täter hatte in einer Asylbewerberunterkunft eine Überschwemmung herbeigeführt. Die Anzahl der rechts motivierten Straftaten nahm indes zu, sie stieg um 22 Delikte auf 459 Verbrechen. Meist blieb es bei Schmierereien und Beleidigungen, 29 Mal wandte ein Täter Gewalt an. Die Zahl der links motivierten Verbrechen sank im gleichen Zeitraum um fast 21 Prozent auf 417 Fälle, 25 davon waren Gewalttaten.

Straftaten, die sich gegen die fortschreitende Gentrifizierung der Stadt richten, nahmen zu. Zehnmal wurden Büros von Immobilienfirmen beschädigt, Fenster eingeworfen und Fassaden beschmiert. Dreimal gingen Firmenfahrzeuge nach einer Brandstiftung in Flammen auf. Außerdem kam es zu zehn angeblichen Hausbesetzungen, wobei die selbsternannten Besetzer jedes Mal schon verschwunden waren, als die Polizei eintraf.

Spätestens seitdem in Georgensgmünd ein sogenannter Reichsbürger einen Polizisten erschoss, haben auch die Münchner Ermittler die krude Bewegung im Blick. Eine eigens dafür geschaffene Arbeitsgruppe prüfte 2017 insgesamt 594 Fälle, ein Anstieg um gewaltige 117 Prozent. Bislang wurden 332 dieser Personen tatsächlich den "Reichsbürgern" zugeordnet.

Kriminalität durch Ausländer

Mit einem Anteil von gut 28 Prozent hat München einen der höchsten Ausländeranteile in Deutschland, zugleich gilt die Stadt als eine der sichersten in Europa. Allerdings stellen nichtdeutsche Staatsangehörige knapp 48 Prozent aller Tatverdächtigen und sind damit in der Verbrechensstatistik überrepräsentiert. Knapp elf Prozent der Beschuldigten waren Zuwanderer, also Asylbewerber und Flüchtlinge.

Bei den meisten Straftaten durch Zuwanderer handelt es sich laut Polizei um Schwarzfahrten und Drogenmissbrauch oder um Körperverletzung, wobei hier meist auch die Opfer Flüchtlinge sind. Zuwanderer seien bei einigen Delikten "zweifelsfrei überproportional vertreten", sagt Polizeipräsident Andrä. Man dürfe jedoch nicht einfach nur die nackten Zahlen gegenüberstellen, sondern müsse berücksichtigen, dass unter den Geflüchteten überdurchschnittlich viele junge Männer seien, die unter schwierigen Bedingungen eng zusammenleben.

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SZ vom 07.04.2018/ebri
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