Kriminalität Bei der Münchner Polizei arbeiten jetzt "Super-Recogniser"

Sogenannte Super-Recognizer können Gesichter besonders gut wiedererkennen - ein Online-Test hilft dabei, die Fähigkeit zu erkennen.

(Foto: dpa)
  • Unter Tausenden Beamten hat die Münchner Polizei nach monatelangen Tests 37 sogenannte Super-Recogniser ausgewählt.
  • Sie alle haben eine besondere Gabe: Sie können Menschen auch unter widrigen Bedingungen wiedererkennen und aus der Masse herausfiltern.
  • Wie genau diese Beamten zukünftig eingesetzt werden sollen, erarbeitet derzeit eine Projektgruppe.
Von Thomas Schmidt

Als erstes Präsidium in Deutschland setzt die Münchner Polizei künftig sogenannte Super-Recogniser ein. Die wissenschaftlich untersuchte Methode stammt aus England, deswegen haben die Münchner Ermittler auch den englischen Fachausdruck übernommen - vielleicht auch, weil er besser klingt als "Superwiedererkenner". Ein bis zwei Prozent aller Menschen besäßen die Fähigkeit, sich Gesichter besonders gut merken zu können, erklärt Josh Davis, ein führender Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Der Londoner Forscher von der University of Greenwich hat den Münchner Ermittlern dabei geholfen, aus Tausenden Beamten die besten Superwiedererkenner auszuwählen. Am Mittwoch präsentierte Polizeipräsident Hubertus Andrä das Ergebnis.

Nicht jeder, der "Super" im Titel trägt, ist automatisch ein Comic-Held. Die Super-Recogniser besitzen keine übernatürlichen Fähigkeiten, aber doch eine äußerst seltene und außergewöhnlich stark ausgeprägte Begabung, Gesichter auch unter widrigsten Bedingungen wiederzuerkennen - ob in der Dunkelheit, auf unscharfen Fotos, in Menschenmassen oder versteckt unter einer Verkleidung. Im April 2011 begann Josh Davis, diese Begabung bei den Beamten der Metropolitan Police zu erforschen. Dabei fiel ihm auf, dass eine sehr kleine Gruppe von Polizisten für eine sehr hohe Zahl an Identifizierungen verantwortlich war. Nach einer Serie gewalttätiger Ausschreitungen in der britischen Hauptstadt im August 2011 sei es einem einzigen Polizisten gelungen, bei der Sichtung von etlichen Stunden Videomaterial 180 Personen zu identifizieren. Dasselbe Material durchforstete eine Software zur Gesichtserkennung - und landete gerade mal einen einzigen Treffer. Allen Fortschritten in der Computertechnik zum Trotz, beim Erkennen von Gesichtern sei der Mensch der Maschine haushoch überlegen, sagt Davis.

Das Münchner Präsidium erfuhr von den speziellen Fähigkeiten ihrer Londoner Kollegen und knüpfte im August 2016 erste Kontakte. Davis hatte inzwischen Tests entwickelt, mit denen die Metropolitan Police in ihren eigenen Reihen nach Super-Recognisern sucht. "Wir glauben nicht, dass man diese Fähigkeit trainieren kann", erklärt der Forscher. Vermutlich sei es eine genetische Veranlagung, die für diese Begabung verantwortlich ist. Es gebe Hinweise, dass die Fähigkeit vererbbar ist, genauso wie ihr krankhaftes Gegenstück, die Gesichtsblindheit oder Prosopagnosie. Menschen, die darunter leiden, können mitunter nicht mal Alter, Geschlecht oder Emotionen im Gesicht eines andere Menschen erkennen.

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Der englische Forscher entwickelte ein mehrstufiges Testverfahren für die Suche nach Super-Recognisern, das nun auch das Münchner Polizeipräsidium bei seinen eigenen Mitarbeitern einsetzt. Der erste internetbasierte Test dauert gerade mal fünf bis zehn Minuten. 5300 Polizisten und Angestellte des Präsidiums nahmen freiwillig daran teil, berichtet Polizeipräsident Andrä. Etwa jeder Vierte erreichte die erforderliche Punktzahl für die zweite Stufe. Den nächsten Test schafften dann nur noch 90 Mitarbeiter. Diese Gruppe legte im April eine mehrstündige Abschlussprüfung unter Davis' Aufsicht ab. Am Ende des monatelangen Verfahrens waren von 5300 ursprünglichen Teilnehmern noch 37 übrig, die sich jetzt Super-Recogniser nennen dürfen.

Noch ist nicht genau definiert, wie der polizeiliche Arbeitsalltag dieser 13 Frauen und 24 Männer in Zukunft aussehen wird. Pläne, sie zusammen in einen dunklen Raum zu pferchen und acht Stunden lang auf Bildschirme starren zu lassen, gibt es eher nicht, lässt Polizeipräsident Andrä durchblicken. Vorerst sollen sie ihren normalen Dienst weiter tun, bei Bedarf könne man sie dann hinzurufen. Es gebe aber auch Überlegungen, eine Sondereinheit aus Super-Recognisern zu bilden, wie es sie bei der Metropolitan Police bereits gibt. Eine Projektgruppe arbeite derzeit daran zu klären, wie man die neuentdeckten Superentdecker am besten einsetzen könne, sagt Andrä. Ein paar Ideen habe er aber schon: Man könne sie an Eingängen von Fußballstadien postieren, um Fans mit Stadionverbot in der Menge zu erkennen. Oder man könne sie bei der Suche nach bekannten Taschendieben einsetzen, die durch die Innstadt streifen.

Wozu Super-Recogniser in der Lage sind, haben die Londoner bereits beim Oktoberfest 2017 demonstriert. Für einen kurzen Moment zeigte man ihnen Fotos von 18 Testpersonen, dann stellten sich die Engländer an die Eingangskontrolle und stierten in die Menschenmassen. Sie fanden sämtliche Testpersonen in der Menge, die Hälfte schon beim ersten Versuch. Die Münchner Ermittler waren schwer beeindruckt.

"Oft ist es nur ein Bauchgefühl", sagt Kriminaloberkommissar Andreas H. Der 38-Jährige ist einer der wenigen auserwählten Münchner Super-Recogniser. Die Schwierigkeit sei häufig, das Bauchgefühl einer konkreten Person zuzuordnen. Dazu benutze er einen kleinen Trick: Wenn sich Andreas H. ein Gesicht merken will, stellt er im Kopf eine Verbindung her zu einer bekannten Person, zu einem Nachbarn oder einem Promi. "Und man muss sich Notizen machen", betont er.

Der einzelne Beamte ist entscheidend. Gerade in München, das im Gegensatz zu London nicht an jeder Ecke videoüberwacht ist. "Wir werden München nicht so ausstatten wie London", versichert Andrä. Auch aus polizeilicher Sicht habe das einen Vorteil, scherzt er. Denn: "Die Speicherung im Kopf unterliegt nicht der Datenschutzverordnung."

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