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Kreuz-Streit:Frommer Schritt - oder doch blanke Scheinheiligkeit?

Bayernweit ein heftiger Aufreger: Markus Söders Anordnung, im Eingangsbereich bayerischer Behörden Kreuze aufzuhängen.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Der Erlass des Ministerpräsidenten stößt auf geteilte Reaktionen. Manche loben die Aktion, andere halten sie für übergriffig und falsch

"Wie im Himmel so auf Erden" (2. Mai), "Allzu hoch gehängt" (26. April), "Christen kritisieren Kreuz-Offensive" (27. April):

Kreuz-Erlass bietet Chancen

Ich hoffe, dass Markus Söders allzu plakativer Kreuz-Erlass doch noch sein Gutes hat: Indem er eine breite Diskussion darüber auslöst, welche Bedeutung die christliche Tradition in einem weitgehend un- oder andersgläubigen Umfeld eigentlich wirklich hat. Diese Diskussion darf auch hitzig sein. Wenn alle, zum Beispiel Christen, Atheisten und Muslime, sich ehrlich daran beteiligen, wird sich zeigen, dass vieles, was aus dem Christentum kommt, auch in verdünnter oder transformierter Form weiterlebt und für Nichtchristen wichtig, mindestens aber akzeptabel ist. Ob man am Ende die Kreuze wieder abhängt, wäre dann fast schon egal. Axel Lehmann, München

Kreuz integriert - CSU grenzt aus

Das Kreuz ist ein Glaubensbekenntnis. Es gehört in den privaten Bereich oder den Bereich, wo christliche Religion und Werte gelebt werden. Oft wird Jesus am Kreuz dargestellt. Er ging an den Rand der Gesellschaft, zu den Ausgegrenzten, zu den Migranten. Jesus hat immer versucht, alle zu integrieren, nicht auszugrenzen; versucht, alle zu vereinen und nicht zu spalten. Wo hat sich die CSU für die am Rande der globalen Gesellschaft Lebenden eingesetzt - bis auf Einzelpersonen wie Entwicklungsminister Müller? Die CSU-Asylpolitik ist ausgrenzend. Laut Aussage einer Mitarbeiterin eines bayerischen "Transitzentrums" werden die behördlichen Vorschriften immer menschenverachtender. Einfache Frauen, keine "Gefährder", werden in Einzelzellen eingesperrt, ohne Kommunikation zum Nachbarn, weshalb sie laut schreien. Sie werden in der Nacht um 3 Uhr früh von der Polizei abgeholt und nach Bulgarien oder Rumänien abgeschoben, wo sie ohne humanitäre Hilfe mehrere Tage auf offener Straße leben und schlafen, bevor sich ihrer jemand erbarmt. Nun soll ein Kreuz über den Eingangsbereich dieser bayerischen Abschiebelager? Eine Offenbarung, dass es mit dieser Anordnung nicht um christliche Werte wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit geht, sondern um anderes. Was bringt es, ein Symbol an Orten anzubringen, wo dessen Inhalte nicht gelebt werden? Norbert Blüm (CDU) mahnte an, dass die Asylpolitik der Christlich-Sozialen Union der christlichen Soziallehre widerspräche. Ginge es um soziale und christliche Inhalte, nicht um Symbole, würde die Politik der Landesregierung anders aussehen: Weniger Ausgrenzung, mehr Integration. Weniger Angst, mehr "Fürchtet Euch nicht". Prof. Dr. Michael Sterner, Regensburg

Kulturprägendes Kreuz

Das Kreuz hat unsere abendländische Kultur geprägt. Jedes Volk, jedes Land trägt das kulturelle Erbe seiner jeweiligen Religion und damit auch die zugehörigen Merkmale: die Juden den Davidstern, der Islam den Halbmond und die Christen das Kreuz. Daran nimmt keiner Anstoß. Religion und Kultur lassen sich nicht voneinander trennen. Was ist dann aber daran verwerflich, wenn Ministerpräsident Söder das Symbol unserer 2000-jährigen Kultur sichtbar macht? Merkwürdig, wenn Kardinal Marx sich in diesem Zusammenhang äußert und es gut findet, "die vielen Menschen unterschiedlicher Religionen, die in unserem Land leben, auf unser christlich geprägtes Land hinzuweisen. Das ist eine große Chance. Da sind wir als Kirche gerne dabei." Dennoch verurteilt er Söders Vorgehen. Roma von Grießenbeck, München

Schäbiger Stimmenfang

Wie treibt es die CSU um, wenn sie, um die Macht zu behalten, so primitiv mit religiösen Symbolen umgeht? Das Kreuz ist für praktizierende Christen - egal ob katholisch oder evangelisch - als das Sinnbild ihres Glaubens tief verwurzelt. So ist es völlig in Ordnung, dieses Bildnis in kirchlichen Gebäuden, Friedhöfen, im privaten Bereich zu zeigen. Auch als Marterl am Wegesrand, etwa an Unfallorten, ist das völlig in Ordnung und tatsächlich traditionell.

Wenn jedoch jetzt das Kreuz beispielsweise im Landratsamt im Eingangsbereich hängt, wo ich doch vielleicht nur schnell mein Kfz anmelden möchte, empfinde ich das als würdelos und anmaßend. Der Staat sollte sich aus religiösen Dingen raushalten. Anscheinend ist das Prinzip von der Trennung von Kirche und Staat bei der CSU noch nicht angekommen. Wenn der bayrischen Staatsregierung christliche Prinzipien so wichtig sind, hätte sie das schon längst anders unter Beweis stellen können: Bei der christlichen Nächstenliebe. Vielleicht hätte ja dann auch die bayrische Staatsregierung die Bundeskanzlerin während der Flüchtlingskrise 2015 nicht so allein im Regen stehen gelassen. So jedoch wirkt die Kreuzinitiative als pure Heuchelei und schäbige Stimmenwerbung. Dieter Becker, Starnberg

Söder-Fotos statt Kreuze

Herr Söder, lassen Sie doch einfach Fotos von sich in Ämtern und Behörden aufhängen, und Sie sind ganz sicher den Ärger um das Kreuz los! Gerd Homann, München

Christlich spezielle Union

Eine regional-nationale Partei wie die CSU muss mit einer Weltkirche (katholisch) zwangsläufig in Konflikt geraten. Heute erst recht, nachdem - hoffentlich bleibt es so - die Einheit von "Thron/Staat und Altar" der Vergangenheit angehören. Die Umdeutung christlicher Werte hat bei der CSU Tradition. So wurde aus dem Aschermittwoch, bei dem der Christ in sich geht und seine Vergänglichkeit und Unvollkommenheit bedenkt, der "politische Aschermittwoch", wo man sich nach dem Bayerischen Defiliermarsch, zurückhaltend ausgedrückt, bei Bier und Essen aufplustert und den politischen Gegner niedermacht. Udo Peplow, München

Unverständliche Rüge von Marx

Als praktizierende Katholikin begrüße ich den Vorstoß der bayerischen Staatsregierung, in bayerischen Amtsstuben Kruzifixe anzubringen (es sollen Kreuze, keine Kruzifixe angebracht werden; d. Red.). In einer Zeit, in der die Kanzlerin tönt, der Islam gehöre zu Deutschland, und ein Innenminister angefeindet wird, der die Aussage in dieser Form relativiert, fehlt nur noch ein Bischof, der sich gegen die Anbringung von Kruzifixen ausspricht. Es dürfte sich hier um eine Premiere in der Kirchengeschichte handeln. Kurios ist in diesem Zusammenhang auch die Verwendung des Begriffs "Deutungshoheit", der eher aus der vorkonziliaren Zeit stammt und damit nach heutigem Verständnis archaisch anmutet. Natürlich ist das Kreuz mehr als ein kulturelles Symbol - aber das ist kein Argument, es nicht aufzuhängen. Das gefährdet weder die staatliche Neutralität noch spaltet es die Gesellschaft. Hoffentlich wird Erzbischof Kardinal Reinhard Marx nicht in einem nächsten Schritt die Entfernung der Gipfelkreuze auf den bayerischen Bergen fordern, die sicherlich auch von Nicht- und Andersgläubigen bestiegen werden. Ich erwäge aufgrund dieses Vorfalls, aus dem Verein der Kirchensteuerzahler auszutreten. Ina Hötzsch, München

Bleibende Mahnung

Das Kreuz weist auch darauf hin, wie sehr der Staat seine Macht missbrauchen kann, denn Jesus starb ja als Opfer eines Justizmordes. So ist das Kreuz in staatlichen Ämtern eine bleibende Mahnung für die dort Beschäftigten, auch ein Appell an ihr Mitgefühl. Christian Fuchs, Gutenstetten

© SZ vom 07.05.2018
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