Gesundheit Ein Youtube-Kanal zum Mutmachen

Heidi Bschorr erzählt in einem Video davon, wie sie mit dem Krebs lebte.

(Foto: catherina hess)

Betroffene erzählen in einem neuen Youtube-Kanal der Bayerischen Krebsgesellschaft, wie sie mit dem Krebs leben - und warum Augenklappen mit Glitzersteinen dabei helfen können.

Von Christina Hertel

In Heidi Bschorrs Schrank liegen 30 Augenklappen, sie hat alle selbst gestaltet: eine grüne mit Blümchen, eine rote mit Glitzersteinchen, eine weiße mit schwarzem Baum. Sie sagt, sie finde sich heute wieder schön - auch wenn ihr linkes Auge fehlt. Annegret Schüppler machte eine Clown-Ausbildung in Dänemark und zog mit ihrer Show von Altenheim zu Altenheim. Sie sagt, sie habe dort das Glück wieder gefunden - auch wenn ihr Mann zu der Zeit an Krebs erkrankt war. Und Kurt Wagenlehner fährt wieder in den Urlaub, geht schwimmen und wandern. Er sagt, mit etwas Vorbereitung sei das alles möglich - auch wenn er eine künstliche Blase hat und häufiger als andere auf die Toilette muss.

Heidi Bschorr, Annegret Schüppler und Kurt Wagenlehner erzählen so wie sechs andere Betroffene ihre Geschichte auf einem neuen Youtubekanal der Bayerischen Krebsgesellschaft. "überLEBENmitKrebs" heißt er und will anderen Erkrankten, Angehörigen und Freunden Mut machen und gleichzeitig eine praktische Hilfe sein: Blasenkrebspatient Kurt Wagenlehner etwa spricht in seinem Video darüber, was er auf seinen Reisen alles einpacken muss. Andere Betroffene schildern, wie sie ihren Kindern die Diagnose beibrachten, wie sie es schafften, trotz Krankheit weiter zu arbeiten oder wie sie mit einem künstlichen Darmausgang zurecht kommen. Und Heidi Bschorr erzählt, wie sie den Willen zu leben verlor und ihn wiederfand.

Sie wollen anderen ihren Weg zeigen: Auf einem Youtubekanal der Bayerischen Krebsgesellschaft erzählen Annegret und Wolfang Schüppler, wie sie nach der Diagnose weitermachten.

(Foto: Catherina Hess)

Zwölf Operationen hat Bschorr bereits hinter sich, als sie die Diagnose bekommt: Sie hat eine seltene Form des schwarzen Hautkrebses auf dem linken Auge. Es muss entfernt werden, ebenso das gesamte Innere der Augenhöhle. "Ich dachte, ich spring' vom Dach", sagt die 59-Jährige. Sie ist eine gelernte Erzieherin mit kurzem grauen Haar, eine Frau, die viel bastelte, sich schön anzog, gerne schminkte und die sich dann plötzlich gefragt habe: "Wozu das alles?"

Ihre Psychoonkologin, eine Ärztin, die Krebspatienten psychisch unterstützt, brachte sie schließlich auf eine Idee: Ihre Augenklappen selbst zu gestalten - passend zu den Blusen, T-Shirts und Kleidern in ihrem Schrank. Bschorr sucht dafür Fotos aus dem Internet, bearbeitet sie am Computer, druckt die Bilder auf Folie und bügelt sie auf die Augenbinde. Heute, sagt Bschorr, fühle sie sich wieder schön. Es helfe ihr, offen mit der Krankheit umzugehen. Mit den Videos möchte sie auch andere Betroffene dazu ermutigen. "Ich habe eine Entstellung im Gesicht", sagt sie, "aber das ist noch nicht das Ende."

Auch Annegret Schüppler erzählt in ihren Videos von Neuanfängen. Als ihr Mann die Diagnose Prostatakrebs bekam, habe es sich angefühlt, als würde sie eine Welle der Bedrohung forttragen, sagt die 74-Jährige. "Aber es war dann ganz schnell klar: Ich muss mitsurfen." Doch um ihrem Partner beizustehen, brauchte auch sie selbst Kraft. Diese holte sie sich in neuen Hobbys. Bschorr gründete einen Frauenchor, begann als Clown Senioren in Altenheimen zu bespaßen und weil ihr Mann, ein Elektroingenieur, Ahnung von Licht und Technik hatte, sei klar gewesen: "Der Herr Schüppler, der muss mit."

Andere Paare würden in solchen schweren Zeiten vielleicht miteinander beten - "wir haben Spaß zusammen gemacht." Heute hätten sie sich nach mehr als 50 gemeinsamen Jahren neu kennengelernt - und angefreundet. "Man muss etwas finden, was einem ein Glücksgefühl wieder gibt - sonst verzweifelt man", sagt ihr Ehemann Wolfgang, von dem es auf dem Youtubekanal auch ein Video gibt. Nachdem ihm vor 17 Jahren die Prostata entfernt wurde, bekam er Magenkrebs. Heute lebt er ohne das Organ. Er könne fast alles essen, sagt der 77-Jährige. Doch manchmal komme es vor, dass er ein Lokal schnell wieder verlassen müsse. "Seit der OP ist der Geruchssinn stärker ausgeprägt." Und was er nicht riechen kann, könne er auch nicht essen.

Auf die Idee für das Videoformat kam Gabriele Brückner, die Geschäftsführerin der Bayerischen Krebsgesellschaft: Weil heutzutage eben viele, wenn sie eine Frage haben, erst einmal nach einem Youtubevideo suchen, es aber rund um das Thema Krebs kein gutes Angebot gebe. Neun Videos, alle zwischen sieben und elf Minuten lang, stehen momentan auf der Plattform. Fünf weitere sind bereits produziert und kommen in den nächsten Wochen dazu. Welche Themen danach angesprochen werden, richtet sich laut Brückner nach den Fragen, die die Zuschauer hinterlassen.