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Szene in München:Sobald sich zwei DJs treffen, nennen sie sich Kollektiv

Kollektiv-JUnge Leute Seite am 16 Juni 2019

Kollektive sind der neue Motor der kreativen Szene in München.

(Foto: Felix Rodewaldt, Kalonoma, Patricia Sprenger, Zugdirekt, Yan Boo, Giuliana Gallizzi, Tobias Blickle, Sophia Carrara)

Das ist etwas überspitzt ausgedrückt, aber: Wer etwas verändern will, gründet keine Vereine mehr. Stattdessen entstehen immer mehr junge Kollektive in München.

Es waren tolle Partys. Partys ohne kommerziellen Hintergrund, Partys wie ein Festival mit Kunstausstellungen, Lichtprojektionen und elektronischer Musik. Daniel Hahn, der heute mit dem Bahnwärter Thiel für ähnlichen Zauber sorgt, schwärmt immer noch von dieser Reihe, obwohl sie bereits vor fünf Jahren das letzte Mal stattgefunden hat. Organisiert wurden diese Partys von einem Freundeskreis, genannt haben sie sich "Die Träumer".

Die Träumer, wie passend. Denn heute gibt es keinen Freundeskreis mehr. Natürlich schon, aber wenn Partys organisiert werden, nennen sie sich Kollektiv. Alle paar Wochen, so scheint es zu sein, kommt ein neues dazu. Sie veranstalten Partys, organisieren Kunstausstellungen, drehen Filme, inszenieren Theaterstücke oder gehen gemeinsam demonstrieren. Seinen vorläufigen Höhepunkt hat der Hype vergangenen Dezember erreicht: Da veranstaltete das für diesen Zweck gegründete "Kollektiv der Kollektive" ein Musikfestival, geladen waren - Überraschung - Kollektive.

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Was hat es mit der Begeisterung für Kollektive auf sich? Warum opfern junge Menschen Zeit, Geld und Nerven, um sich in basisdemokratischen Prozessen über die gemeinsame Vision einig zu werden? "Menschen können nicht alles alleine schaffen, egal, um was es geht", sagt Julia Bomsdorf. Sie ist die Gründerin des Wut-Kollektivs, das sich dem Ziel verschrieben hat, die elektronische Musikszene auch für Frauen und nicht-binär identifizierte Personen zugänglicher zu machen. "Unterstützung von anderen Stellen gibt es kaum, oder erst ab einer gewissen Stufe", sagt Julia.

Kollektive machen Vieles einfacher

Ein Problem, das viele plagt. Junge Menschen fühlen sich von der Politik nicht ausreichend verstanden. Auch die Diversität der Club-Kultur lässt zu wünschen übrig. Als Solokünstler tut man sich schwer: zu wenige Ateliers, Ausstellungsräume, Veranstaltungsorte. Und: München ist teuer. Im Kollektiv zu agieren, heißt auch, Kosten teilen zu können. So sieht das auch Florian Kirchmeier, DJ aus dem Münchner DJ-Kollektiv Sustain: "Die komplette Last, auch finanziell, auf mehreren Schultern zu verteilen, spielt bei jungen Crews bestimmt auch eine Rolle."

Dass er "Crew" sagt zu seinem Kollektiv, mag Zufall sein. Aber es gab eine Zeit, da gab es in München Crews. Oder Aktionsgruppen. Oder Organisatoren, die sich einfach nach dem Namen ihrer Veranstaltung nannten wie die Konzertreihe "This City Has No Seasons". Wer früher etwas verändern wollte, gründete einen Verein, etwa die Mitglieder von Kajumi oder Innen.aussen.raum etwa. Das macht heute kein junger Mensch mehr. Heute gründet er Kollektive. Wie alles, kommt das moderne Kollektiv übrigens aus Berlin. Dort haben sich schon früh DJs zusammengeschlossen, um große Partys zu feiern. Ein Vorreiter war beispielsweise das 1999 gegründete "Kollektiv Turmstrasse".

Kollektiv klingt moderner, hipper als Verein oder Arbeitsgemeinschaft. Überspitzt ausgedrückt: Sobald sich zwei DJs treffen, nennen sie sich Kollektiv. Ist gut fürs Marketing. "Vom Freundeskreis zum Kollektiv ist es nicht weit", sagt David Reitenbach von Kalonoma. Das Kreativkollektiv vereint neun junge Menschen aus den unterschiedlichsten Disziplinen, von Musik bis Film. Für die Form des Kollektivs hätten sie sich vor allem wegen der Offenheit und Flexibilität entschieden. Ein Aspekt, der die meisten jungen Kollektive in München eint. Sich auf eine gemeinsame, starre Identität festzulegen, würde nicht passen. Das Kollektivprinzip spiegelt so auch die gesellschaftlichen Ambitionen der jüngeren Generation wider: Gleichstellung, Inklusion, Meinungsfreiheit, kollektive Kreativität.

In vielen Kollektiven gibt es keine festen Hierarchien

Stichwort kollektive Kreativität: Besonders im Film und Theater sind Kollektive fruchtbar. Austausch und die gegenseitige Kritik sind wichtige Elemente im Schaffensprozess. Danijel Szeredy vom Münchner Theaterkollektiv In:between sagt: "Als Kollektiv aufzutreten heißt, die eigenen Gedanken ständig zu hinterfragen, zu ergänzen und schlussendlich zu bereichern. Wir arbeiten im Dialog. Was im Grunde Theater ist und sein soll." Auch beim Film-Kollektiv Zugdirekt wird auf Hierarchien verzichtet. Entschieden wird laut Gründer Amon Ritz nach dem Leitspruch: "Die am besten durchdachte Idee gewinnt."

Das Streichen von Hierarchien, um den kreativen Prozess zu erleichtern, sieht auch Theresa Bittermann von Wut als passende Definition von Kollektivität: "Die Bezeichnung Kollektiv beschreibt unser chaotisches und hierarchiefreies Wirken am ehesten." Kollektive stehen für Offenheit und flache Hierarchien. Das birgt aber Konfliktpotenzial.

Jesaja Rüschenschmidt, der an mehreren und vor allem politischen Kollektiven in München beteiligt ist, sagt: "Es macht den Leuten auch nicht wirklich Spaß, ihre Freizeit und wertvolle Lebensenergie für zerschmetternde Rückschläge, Frust und Stress einzutauschen." Aber auch das ist etwas, was die vielen jungen Kollektive in München eint: Sie wollen nicht einfach nur mit ihren Freunden Spaß haben, sie haben Anliegen, die sie unbedingt umsetzen möchten.

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