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Kreativquatier:Auf Kollisionskurs

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Eine Fahrradbrücke über die Schwere-Reiter-Straße könnte an gegenläufigen Plänen fürs Kreativquartier scheitern

Von Ellen Draxel, Neuhausen/Schwabing

Die Studenten der Technischen Universität haben sich sehr viel Mühe gemacht. Vier Teams des Lehrstuhls für Metallbau haben ein halbes Jahr lang unter der Leitung ihres Professors Martin Mensinger Ideen gewälzt, haben berechnet, gezeichnet, konstruiert. Herausgekommen sind Entwürfe einer möglichen Rad- und Fußgängerbrücke über die Schwere-Reiter-Straße als Kernelement einer Radroute vom Olympiapark über das Kreativquartier in die Innenstadt, die bei der Präsentation vergangene Woche im Kreativquartier vor mehr als hundert Personen auf begeisterte Resonanz stießen.

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Eine Brücke über die von einer Tramtrasse durchschnittene Schwere-Reiter-Straße - für die angrenzenden Bezirksausschüsse Neuhausen-Nymphenburg und Schwabing-West wäre sie das "Optimum". Die Planungen bislang sehen noch eine Ampellösung für die viel befahrene Straße vor, der Stadtrat hat die Verwaltung aber inzwischen aufgefordert, eine Machbarkeitsstudie für eine Brücke in Auftrag zu geben.

Neu war Westschwabings Gremiums-Chef Walter Klein (SPD) einen Tag nach der Präsentation allerdings, dass eine Brückenlösung an einer bisher auf der Brückenachse geplanten Bebauung scheitern könnte. Bei einem Treffen mit dem Planungsreferat erfuhr der Lokalpolitiker, dass ein Brückenbau gar nicht möglich sei, weil statt einer Rampe auf der Seite des Kreativlabors Gebäude entstehen sollen. "Das ist ein echter Schlag ins Kontor", schimpft der BA-Vorsitzende. Und kündigt an: "Das wird Krach geben." Das Thema hat er bereits auf die Agenda der nächsten Sitzung des Unterausschusses Umwelt und Verkehr setzen lassen.

Stadträtin Anna Hanusch (Grüne) hingegen sieht die Sache weniger dramatisch. "Die Brückenlösung kollidiert zwar etwas mit den Entwicklungen im Kreativquartier", meint die Chefin des Nachbargremiums Neuhausen-Nymphenburg "Aber da gibt es sicher Lösungen." Die Verwaltung habe eben "vorgearbeitet". Jetzt müsse man "schauen, wie beide Wünsche wieder zusammengeführt werden können".

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Die Überlegungen der Stadt sehen vor, just an der Stelle, an der die Studenten die Brücke Richtung Heßstraße auslaufen lassen wollen, einen Straßenreinigungsstützpunkt und Wohngebäude zu platzieren. "Ich denke aber, das ist noch nicht durch", sagt Hanusch. Vielleicht ließen sich die Häuser ja noch verschieben. Oder die Rampe schließe direkt an die Gebäude an. "Es gibt sicher Architekten, denen dazu was einfällt." Möglich sei außerdem eine alternative Brückenkonstruktion. "Eine hohe Brücke ist zwingend wegen der Straßenbahn darunter", sagt Architektin Hanusch. "Die Brücke muss aber nicht unbedingt in einer Rampe auslaufen, machbar wäre vielleicht auch eine Art Spindel. Oder man verschwenkt die Brücke." Vom Planungsreferat ist auf Anfrage lediglich zu hören, dass die Machbarkeitsstudie klären werde, ob der Bau einer Brücke möglich sei.

"Toll" finden Hanusch und Klein auf jeden Fall, dass die Studenten "mit viel Verve" und der Unterstützung betreuender Ingenieurbüros die von Simon Herzog vom Gründerzentrum UnternehmerTUM entwickelte Brücken-Idee auch tatsächlich in "sehr gute kreative Vorschläge" umgesetzt haben.

Variante eins: Die expressive und dennoch filigrane "Rosengoldbrücke". 320 Meter lang ist die Stahlkonstruktion, wobei sich 49 Meter stützenfrei über die Schwere-Reiter-Straße spannen. Die vier Studenten des Teams haben sich für diese Brücke von einer Rose inspirieren lassen, die auf einen Stein fällt.

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Vorschlag Nummer zwei orientiert sich an der berühmten Dachkonstruktion des Olympiastadions. Die sogenannte "Flügelbrücke" punktet mit an Pylonen und Zugstäben aufgehängten Netzen als Blickfang und integriert Sitzstufen im Kreativquartier.

Durchdacht auch das Modell der dritten Studenten-Gruppe, "Fachwerkbrücke" überschrieben. Die Optik dieser Brücke ist bewusst schlicht gehalten, soll das Design doch an den industriellen Hintergrund des Kreativquartiers als Industrielager und Militärstandort erinnern. Die Heßstraße war früher eine Bahntrasse, entsprechend ist dieser Entwurf einer Eisenbahnbrücke ähnlich konzipiert. Die Studenten haben außerdem an eine innovative Nutzung der Brückenfläche zur Stromgewinnung gedacht: Sie schlagen vor, die Bodenfläche der Brücke mit befahrbaren Fotovoltaik-Elementen auszustatten.

Variante vier, genannt Rahmenbrücke, ist hingegen eher klassisch konstruiert. Eine Brücke aus Stahlbeton, mit einem breiten Gehweg, einem transparenten Geländer aus netzartigem Stahldraht und effektvoller Beleuchtung bei Nacht.

Gemeinsam ist allen Entwürfen, dass sie Treppenabgänge zu beiden Seiten der Straße anbieten und das Mittelstück der Brücke in einer Nacht eingesetzt werden könnte - sodass die Schwere-Reiter-Straße nicht lange gesperrt sein müsste.

Wirtschaftsingenieur Simon Herzog, neben seinem Job beim Innovationszentrum UnternehmerTUM auch stellvertretender Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs in Bayern (ADFC), hofft, dass die Entwürfe den Fachleuten im Planungsreferat als Inspiration dienen. Zumindest in die Machbarkeitsstudie, die wohl im Herbst in Auftrag gegeben wird, sollen sie einfließen. Das wurde ihm am Präsentationsabend versprochen.

© SZ vom 23.07.2019

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