Süddeutsche Zeitung

Kreativ in der Krise:Warten auf den Kreuzfahrtmodus

Bis die Alten- und Servicezentren wieder aufsperren und dann Mittagessen im Schichtbetrieb bieten können, versorgen Ehrenamtliche die Senioren daheim

Von Melanie Staudinger

Am späten Vormittag wird es normalerweise lebendig in den ebenerdigen Räume an der Daiserstraße, in denen früher einmal die Gaststätte Friedenslinde und später der Wienerwald zu finden waren. Dann kommen bedürftige Senioren aus dem Viertel ins Alten- und Servicezentrum Sendling zum Mittagessen. Kostenlos erhalten sie von Montag bis Freitag eine warme Mahlzeit und dazu Ansprache und Gesellschaft, die viele von ihnen daheim in den oft kleinen und kargen Wohnungen nicht haben. In Zeiten von Corona ist das anders: Die Alten- und Servicezentren (ASZ) sind wie die allermeisten anderen öffentlichen Einrichtungen auch geschlossen. Die Senioren aber wohnen weiter im Viertel und kämpfen mit ihren Problemen.

"Unsere Zielgruppe wird sehr, sehr lange auf sehr, sehr vieles verzichten müssen", sagt ASZ-Leiter Kai Weber. Die Zielgruppe, das sind ältere Menschen, die Grundsicherung erhalten oder ein Einkommen von unter 1350 Euro im Monat haben, zu wenig Geld also, um sich im teuren München würdig über Wasser halten zu können. Es sind Menschen, die oftmals alleine wohnen, sich mit Reha-Anträgen und Krankenkassenzuschüssen, mit chronischen Krankheiten und psychischen Problemen, mit ambulanten Hilfen oder schlicht der Beantragung eines Pflegebettes herumschlagen, die sich einsam fühlen und manchmal doch zu stolz sind, Hilfe anzunehmen. Es sind Menschen, die überfordert sind von Maskenpflicht und Ausgangsbeschränkungen. Denen Corona Angst macht und die Unterstützung benötigen, jetzt vielleicht mehr als vorher.

"Wir haben im Betrieb auf die empfohlene Ausgangssperre für Senioren umgeschaltet", sagt Weber. Das will heißen: Wenn die älteren Sendlinger nicht mehr in die Daiserstraße kommen können, kommen die Mitarbeiter und freiwilligen Helfer eben zu ihnen - unter Einhaltung des Mindestabstands und der Hygieneregeln, versteht sich. Manchmal gibt es auch nur telefonisch Kontakt. Drei Angebote haben sich Weber und sein Team ausgedacht, sie alle sollen die Senioren dabei unterstützen, dass sie daheim bleiben können, versorgt mit allem, was sie brauchen.

Zum einen hat sich in den vergangenen Wochen ein Einkaufsdienst etabliert. Mehr als 20 Freiwillige haben sich im ASZ Sendling, das von der Arbeiterwohlfahrt (Awo) betrieben wird, gemeldet. Sie erhalten von Nachbarn genähte Schutzmasken, Händedesinfektionsmittel und Gummihandschuhe. Und sie bekommen bis zu drei Senioren zugeteilt, für die sie einkaufen gehen. "Ohne Ehrenamtliche würde das nicht gehen", sagt Weber. Die Vermittlung durch das ASZ sei in vielen Fällen sehr wichtig: So wüssten die älteren Menschen, dass sie sich keinem Betrüger anvertrauten, sondern jemandem, der ihnen wirklich helfen wolle. Das Prinzip klappt: Trotz der schwierigen Klientel verläuft das Einkaufen in den meisten Fällen reibungslos. "Nur vereinzelt haben die Senioren zu hohe Ansprüche", erzählt Weber. Die wollten eine Brotsorte, die niemand kennt. Oder eine bestimmte Art von Wohnungsdeko, die der Freiwillige nicht finden kann. Hier vermitteln dann die Hauptamtlichen.

"Manche Senioren tun sich unheimlich schwer mit der aktuellen Situation", erzählt Weber. Sie seien wenig informiert, könnten die staatlich verordneten Einschränkungen nicht einordnen und wüssten nicht, was ihnen geschieht. "Das macht natürlich Angst, einige werden auch aggressiv", sagt der Sendlinger ASZ-Leiter. Mit den regelmäßigen Anrufen bei fast 270 Personen wollten er und seine Mitarbeiterinnen sicherstellen, dass bei den Klienten alles einigermaßen in Ordnung sei, und an andere Stellen wie den psychiatrischen Krisendienst vermitteln, wenn psychische Probleme schwerwiegender würden.

Auch die Sache mit dem warmen Mittagessen ist in Sendling ebenso wie in den anderen 31 Alten- und Servicezentren geregelt. Alle Teilnehmer bekommen, sofern sie das wollen, ihre warme Mahlzeit nach Hause geliefert. Zwischen 10 und 15 Rentner werden direkt aus dem ASZ an der Daiserstraße bekocht, etwa 35 weitere versorgt der Menüdienst der Awo. Anfangs stand nur ein Menü auf der Karte, inzwischen können die Senioren aus sechs verschiedenen Gerichten wählen und bestellen für 14 Tage im Voraus. Bezahlt wird das nicht von den Rentnern, sondern von der Stadt München: Jeder Bedürftige bekommt einen Zuschuss von 9,20 Euro pro Essen. Wer das nicht möchte, kann sich 65 Euro pro Woche für die Einkäufe geben lassen, die die Ehrenamtlichen dann erledigen. "Dass Sozialreferat und Stadtrat hier so schnell reagiert haben, ist ein Glücksfall für unsere Senioren", sagt Weber.

Und trotzdem will er die Situation nicht schönreden: Denn ASZs sollen alten Menschen soziale Nähe ermöglichen, sie aus ihrer Isolation holen, kulturelle Angebote machen und somit mehr Lebensqualität bieten. "Dies ist jetzt alles nicht mehr möglich", sagt Weber. Aber eben auch nicht zu ändern momentan. Auch für die Zeit nach der akuten Covid-19-Phase hat das ASZ Sendling schon Pläne. Beim Mittagstisch etwa werde man in den Kreuzfahrtmodus umschalten, berichtet Weber. Der sei schon kurz vor dem Lockdown geübt worden: Die Senioren essen in fest zugeteilten Schichten, um ausreichend Abstand einhalten zu können.

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Quelle:
SZ vom 07.05.2020
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