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Kostümhaus Cinyburg:Wo Lackschuhe neben Bischofsgewändern standen

Bei Siegfried Cinyburg kauften Schauspieler, Klassikmusiker, Travestiekünstler, Showgrößen und Faschingsnarren ein.

(Foto: Robert Haas)

Travestiekünstler, Staatsoper, Gunter Sachs und so mancher Ministerpräsident - alles Kunden von Siegfried Cinyburg. Jetzt schließt er seinen Laden, nach 70 Jahren.

Das bunte Treiben ist vorbei. Cinyburg macht dicht. Es gab wohl keinen Laden in der Stadt, in dem so viele verschiedene Szenen aufeinandertrafen: Schauspieler, Klassikmusiker, Travestiekünstler, Showgrößen und Faschingsnarren. Siegfried Cinyburg, "Chef" nennen ihn seine Angestellten, ist selbst längst weit über das gängige Rentenantrittsalter hinaus. Er wird zum Ende des Jahres schließen. Nach 70 Jahren. Nicht einmal die Faschingszeit, eigentlich eine Haupteinnahmequelle, will er noch mitnehmen.

Schuld habe das Internet, sagt Cinyburg. Da habe sein Laden nicht mithalten können. Trotz aller Hingabe. Seit einigen Jahren bereits halte er sein Geschäft nur Dank der Einnahmen aus seinem Mietshaus am Leben, sagt er.

Die Regale sind bereits halb leer, unter all den Glamour- und Glitzerresten sieht man, dass die Vitrinen ramponiert sind und die Tapete von der Decke fieselt. Zu Zeiten, als sündiges Drunter noch eine Hauptrolle spielte, als Filme im Rotlichtmilieu gedreht wurden, da florierte Cinyburg in der Lindwurmstraße. Siegfried Cinyburg kleidete die Belegschaft der Blauen Banane aus dem "König von St. Pauly" ein, vom Mieder über die Netzstrümpfe bis zu den hochhackigen Schuhen, vorwiegend schwarzer Lack.

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Travestiekünstler gingen bei ihm ein und aus. Gloria Gray, Miss Piggy, auch Mary and Gordon ließen sich hier ihre Kostüme anfertigen. Cinyburg lieferte unter anderem 55 Chapeau Claques an die Staatsoper, er stattete die Münchner Narrhalla aus, die Münchner Theater, Artisten des Circus Krone sowie die Kessler-Zwillinge. Harry Belafonte war Stammkunde: Er ließ sich bei Cinyburg extravagante Hemden für seine Show schneidern. Auf die Ärmel kam es an: Sie mussten vorne eng sein, mit Rüschen, und unterhalb des Ellbogens etwas weiter fallen.

Ein Laden, dessen Einrichtung aus dem Jahr 1959 stammt

Cinyburgs Lieblingsplatz ist an der Kasse, umgeben von vielen Autogrammbildern, die die Künstler dagelassen haben, an Wänden und Säule. Zwei Fotos sind besonders auffällig positioniert: Auf dem einen sieht man Gunter Sachs und eine Widmung. Er war wohl der treueste Kunde, 30 Jahre soll er hier seine Models für die Fotoshootings ausgestattet haben, er habe gerne extravaganten Kopfschmuck und auffällige Armbänder ausgesucht. Ein "Versteher" sei er gewesen, sagt Cinyburg. Lasst alles so, es ist perfekt, soll Gunter Sachs gesagt haben.

Das ist einige Jahre her. Cinyburg hat sich daran gehalten. Auch deshalb betritt der Kunde hier immer noch einen Laden, dessen Einrichtung aus dem Jahr 1959 stammt. Die Umkleidekabinen würde man heute mindestens 20 Zentimeter höher bauen. Doch auch abgesehen vom Mobiliar ist hier noch alles beim Alten: Stellt Cinyburg eine Rechnung aus, benutzt er einen kleinen Klemmhefter mit Durchschlagpapier.

Auf dem zweiten besonders hervorgehobenen Foto ist Brigitte Cinyburg zu sehen. Die Firmengründerin fing 1945 im Schlachthofviertel an, zunächst mit einigen Schneiderinnen zu Hause, dann mit einer kleinen Werkstatt, ein paar Jahre später in der Lindwurmstraße. Sie organisierte alljährlich Modeschauen mit ihrer Faschings- und Showkollektion in großen Hotels, ihre Kostüme waren so gefragt, dass Cinyburg eine Zeitlang sogar zusätzlich am Lenbachplatz residieren konnte.

Siegfried Deutschenbaur-Cinyburg im "Kostümhaus Cinyburg" in München, 2012

Fasching und Travestie, Fräcke und Fliegen: Die Auswahl bei Siegfried Cinyburg war groß (Foto aus dem Jahr 2012).

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ihr Sohn Siegfried hatte zunächst andere Interessen. Er studierte, beschäftigte sich mit Immobilien, überwinterte eine Weile im spanischen Marbella. Den Kontakt zu Geschäft und Mutter hielt er, nach einigen Jahren kehrte er zurück zur Unterstützung, besorgte Kostüme für die Kunden in Belgien, Italien, Spanien. Ein echter Torero war damals in der Münchner Faschings-Schickeria 4000 Mark wert - zumindest am Lenbachplatz.

Zwischendurch fuhren auch Ministerpräsidenten und Diplomaten vor

So exklusive Sachen gibt es heute nicht mehr bei Cinyburg. Es gibt auch keine Nachfrage mehr danach. Auch Cinyburg hat in den vergangenen Jahren von der Stange eingekleidet. Doch nach wie vor ist das Angebot bunter als in einem gewöhnlichen Faschingsladen: Da hängen Federboa und Burlesque-Petticoat neben einem Regal roter Lackschuhe, auch Größe 45, und einem Bischofskostüm, dessen Kopie angeblich auch bei den Weihnachtsfeiern des FC Bayern zu sehen sein soll. Dazwischen findet man gesäßfreie Chaps in verschiedenen Größen und eine Großpackung eng anliegender Italo-Wäsche. Die wilde Mixtur setzt sich im Schaufenster fort, wo die Schlagringe und Nietenbänder mit einem sanft lächelnden Prinzenpaar ausgestellt sind.

Doch eine Ordnung gibt es, eigentlich ist der Laden geteilt: rechts Fasching und Travestie, links Fräcke und Fliegen, zum Ausleihen. So kommt es, dass auch viele Orchestermusiker das Geschäft kennen. Und zwischendurch fuhren, ganz wenig schrill, auch bayerische Ministerpräsidenten und Diplomaten bei Cinyburg vor. Rolf Rodenstock habe sich alljährlich seinen Frack für eine Sitzung in London geliehen, erzählt Cinyburg. Auch Leonard Bernstein soll persönlich in der Lindwurmstraße 16 vorbeigekommen sein. Er kaufte Cut, Smokinghemden und Fliegen, mit denen ihm Cinyburg für zwei Konzerte in München ausgeholfen hat. Das Gepäck des Dirigenten war auf der Reise von New York stecken geblieben.

Derzeit kostet fast alles nur noch die Hälfte. Totalausverkauf. Siegfried Cinyburg hält sich tapfer. Er fürchtet sich vor dem letzten Tag im Laden. "Es ist alles sehr, sehr traurig." Es steckt viel Herzblut und Hingabe darin. Kommt ein Kunde herein, und das kommt oft vor, begrüßt er ihn zurückhaltend und freundlich - wie immer. Meist kann er sich sofort erinnern, weshalb der Kunde schon mal da war, selbst wenn er nur einmal den Laden aufgesucht hat. Nein, die Engel seien leider bereits ausverkauft, sagt er zu einem jungen Familienvater. Und es kämen keine neuen mehr nach.

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