Gasthof Schreyegg Landpartie mit Stil

Die Karte passt zu einem bayerischen Lokal mit Tradition: Fleischlastiges - wie zum Beispiel dieser Zwiebelrostbraten - überwiegt.

(Foto: Johannes Simon)

In den Weiler Unering südwestlich von München fahren die Leute wegen der schönen Pfarrkirche St. Martin. Und sie kommen, um gut zu essen - nicht bloß eine einfache Wirtshausbrotzeit, sondern gehobene Landküche.

Von Paula Morandell

Der Höhenrücken zwischen Ammersee und Starnberger See, vor Urzeiten entstanden durch Gletscherablagerungen, ist an manchen Flecken noch eine fast idyllische Landschaft. Von den überfüllten Badesee-Ufern kann man das schon lange nicht mehr sagen, und auch oben, auf dem gewellten Buckel, muss man seine Spazierwege gut wählen, um nicht in ein Rudel von Sonntags-Wanderern zu geraten. Die Dörfer der Gegend sollen früher berüchtigt gewesen sein für Raufereien - jedenfalls stecken die Bücher des neuerdings wiederentdeckten Volksschriftstellers Georg Queri, der aus dem Ort Frieding stammte, voller derber Geschichten über seine Heimat.

Der Weiler Unering, nur ein paar Kilometer entfernt, liegt an einem sonnigen Junitag aber vollkommen friedlich da. Hierher kommen die Leute wegen der schönen Pfarrkirche St. Martin, die auf einem Moränenhügel thront und innen von Rokoko-Stuckateuren herausgeputzt ist. Und sie kommen, um gut zu essen - nicht bloß eine einfache Wirtshausbrotzeit, sondern gehobene Landküche. Man sieht es an den Marken der parkenden Autos: Das kleine Unering spricht sich gerade ziemlich herum unter betuchteren Ausflüglern. Vor dem "Gasthof Schreyegg" stehen natürlich auch Fahrräder, am Stammtisch sitzen die Einheimischen beim Bier - aber vom schicken Anwesen mit Seezugang ist man halt auch schnell oben auf der Höhe, um ganz ursprünglich im Dorf einzukehren.

Einen Ausflug wert: der Gasthof Schreyegg in Seefeld-Unering.

(Foto: Johannes Simon)

Weit entfernt vom lieblosen Zubereiten fader Alibi-Speisen

Die Karte passt zu einem bayerischen Lokal mit Tradition: Fleischlastiges überwiegt, bei Vegetarischem ist die Auswahl nicht groß. Gerade diese Gerichte sind aber oft ein guter Gradmesser für die Ambitionen der Küche, und beim Schreyegg ist man weit entfernt vom lieblosen Zubereiten fader Alibi-Speisen.

Die Karte passt zu einem bayerischen Lokal mit Tradition: Fleischlastiges - wie zum Beispiel dieser Zwiebelrostbraten - überwiegt.

(Foto: Johannes Simon)

Der gegrillte Ziegenkäse als Vorspeise kam im Sesammantel auf den Tisch, außen knusprig, innen säuerlich, dazu ein Salat, den die Südfranzosen "Mesclun" nennen: Junge Blättchen von Endivie, Spinat und Radicchio mit einer leichten Vinaigrette (7,90 Euro) - ideal als Sommerimbiss. Die Kartoffelgnocchi waren mit halbierten Tomaten in Salbeibutter angeröstet, ohne schwer von Fett zu sein (11,90). Und die Kässpatzen (8,90), auf Wunsch als Kinderportion, gefielen der siebenjährigen Testerin, weil die Gabel nicht in einer zähen Masse stecken blieb. Schön locker lagen die hausgemachten Spätzle im Teller, samt Bergkäse und gebräunten Zwiebeln in der richtigen, nämlich maßvollen Dosierung - da hätte es auch die große Variante sein dürfen.

Wer so behutsam an Pastatöpfen und Salatschüsseln zu Werke geht, wer zu den Hauptgerichten die Beilagen, flaumige Knödel oder Rosmarinkartoffeln in separaten Schälchen serviert, um kein Geschmackseinerlei zu fabrizieren - der kann bei den Klassikern kaum scheitern. Tatsächlich gab es, was selten vorkommt, bei den Testessen im Uneringer Dorfwirt so gut wie nichts zu bemängeln. Das Gemüse zum fein abgeschmeckten Zanderfilet (17,80) hätte ein paar Artischocken-Scheiben mehr vertragen, andererseits waren die roten Paprikastreifen so aromatisch, dass das nicht weiter auffiel. Das Rinderfilet, innen zartrosa, umhüllte ein Parmesanmantel (21,60). Tadellos auch die halbe Ente (16,80): Bereits von den Karkassen gelöst, lagen zwei schöne Stücke auf dem Teller, mit knuspriger Haut und in reichlich feiner Soße.

Lange Zeit nicht mehr als eine durchschnittliche Dortwirtschaft

Wer danach noch Appetit auf Süßes hat: Der lauwarme Schokokuchen (6,50) gehört ja mittlerweile zum Standard auf jeder Dessertkarte und schmeckte angenehm herb; weniger schlechtes Gewissen bereiten Figurbewussten die drei fruchtigen Sorbet-Kugeln (7,50).

Der Gasthof Schreyegg besteht schon seit 1866 und war, wie Ortsansässige berichten, lange eine durchschnittliche Dorfwirtschaft mit tiefhängender Decke in der Stube. Mehr nicht. Der neue Schwung unter der Leitung von Stefan Schreyegg hätte durchaus heikel verlaufen können. Ein Aufmöbeln im Landhaus-Stil hat schon manch eingesessenes Gasthaus zugrunde gerüscht, aber das ist zum Glück nicht eingetreten.

Die Räume sind schlicht, dunkles Holz zu weiß getünchten Wänden, die blitzende Espressomaschine steht in einer Nische aus freigelegtem Mauerwerk. Das ist unaufgeregt geschmackvoll, und draußen sitzt man entweder unter Kastanien oder an kleinen Tischen nahe der Hauswand. Hier kann man die durchweg freundlichen Bedienungen beobachten, wie sie mit vollen Tabletts die Fahrbahn überqueren: Die Andechser Straße trennt Gasthof und Biergarten voneinander.

Eine Seltenheit, die den Schreyegg eine Spur nostalgisch erscheinen lässt, wie ein Überbleibsel aus einer Zeit, als hier noch Fuhrwerke vorüberzogen und keine fauchenden SUVs. Wobei manche Traktoren der einheimischen Bauern schon auch ein rasantes Tempo vorlegen. Beim Espresso sollte man sich davon nicht stören lassen - eine Röstung aus Südtirol der Marke Schreyögg.