Ristorante Adriatico Fast wie im richtigen Rimini

Das Adriatico befindet sich im ersten Stock des Eataly und gilt als Flaggschiff-Küche des Unternehmens.

(Foto: Johannes Simon)

Das Ristorante Adriatico im Eataly ist so wechselhaft wie das Meer, aber leider nicht so überraschend.

Von Alois Gudmund

Schranne ist ein altes Wort für Kornmarkt, und wer in einer Markthalle eine Wirtschaft aufsucht, sollte natürlich wissen, dass das nicht nur damit zu tun hat, hier marktfrisch bewirtet zu werden, sondern eben auch mit Marktwirtschaft. Also zunächst zu den börsenrelevanten Fakten: 400 Millionen Euro Umsatz, in zwei Jahren soll es mehr als eine Milliarde sein. 23 Filialen - Turin, Mailand, Dubai, Seoul, Tokio, zweimal New York - listet die Webseite. Boston, Kopenhagen, Moskau sollen in diesen Tagen folgen und nächstes oder übernächstes Jahr der Börsengang: Eataly, Hypermarkt italienischer Köstlichkeiten, vor gerade mal einem Jahrzehnt von dem ehemaligen Elektromarktketten-Besitzer Oscar Farinetti aus der piemontesischen Trüffel-Kapitale Alba gegründet, ist längst ein globaler gastro-industrieller Komplex. Und Münchens Schrannenhalle, davor lange nicht ganz so erfolgreich, ist seit einem Jahr Teil davon.

Das passt in gewisser Weise. Denn Eatalys Erfolg besteht ja darin, den lebendigen Marktplatz einer italienischen Stadt - oder zumindest das Touristenklischee davon - zu simulieren, Stände also mit Obst und Gemüse, Fleisch und Wurst, Brot und Käse, Öl und Wein, Pasta, Panini, Pizza und sonstiger, hier zumeist nicht eben niedrigpreisiger Spezereien, die weltweit als Ausdruck kulinarischer Italianità gelten. Gut, in einer Hallenecke erhebt sich riesig die Silhouette eines Nutella-Glases und zeigt unübersehbar, dass sich auch sehr bekannte Namen der italienischen Nahrungsmittel-Industrie, wie eben Ferrero (Schokolade) oder Lavazza (Kaffee) und Lunelli (Sekt), in das rasant wachsende Unternehmen eingekauft haben - als hätte Slow Food, ja ebenfalls im Piemont entstanden, den Kapitalismus-Turbo angeworfen.

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Zum Mercato gehören natürlich auch Trattorie und Ristoranti, in Eatalys Schrannenhalle repräsentiert durch La Trattoria unten zwischen den Ständen und Garküchen und, eine etwas versteckte Treppe höher, das Adriatico, die Flaggschiff-Küche des Unternehmens. Ganz oben verkündet Leuchtschrift das italienische Ideal von Strand und Meer: "Rimini, Rimini." Tatsächlich ist auf der Plattform hoch über dem Gewusel der Shopper eine Art Strandrestaurant aufgebaut, ein Küchenkiosk mit rot-weiß gestreifter Pergola, davor Tische, umgeben von Deckstühlen. Macht alles bella figura, aber der Figur des Gastes tun die für gemütliches Sitzen völlig ungeeigneten Klappstühle nicht unbedingt gut.

Die Karte passt auf ein kleines Holzbrettchen, das auf dem Tisch steht - was schon deshalb günstig ist, weil die überaus freundlichen Bedienungen bisweilen etwas länger auf sich warten ließen und sich nicht immer an alles Bestellte erinnern. Einmal wollte ein Glas Wein nicht kommen, ein anderes Mal der Salat nicht. Es machte dabei keinen Unterschied, ob sich wenige Gäste im Raum verloren oder ob anderntags ein volles Haus zu viel war für das dafür eindeutig zu knapp bemessene Personal. Die Entschuldigungen immerhin waren stets herzlich und charmant.

Die Antipastini freilich kamen pünktlich, kleine, bunte Tellerchen mit eingelegtem Lachs, dito Thunfisch, Polpetti, Pilzen und mit einer Tapenade aus grünen Oliven gefüllten Pomodorini, allesamt durchaus sehr fein. Was fehlte, war der Überraschungsmoment, der bleibende Eindrücke hinterlässt. Und das sollte sich durch alle Menus ziehen, die Gudmund und seine Mitesser probierten.

Wobei Überraschendes sogar bei einem Standardgericht wie den Spaghetti al Ragù, hierzulande als Bolo bekannt, auftauchte: Die hießen nämlich auf der Karte "La Granda" - was nicht etwa auf die überschaubare Größe der Vorspeisen-Portion hinwies, sondern auf eine Rinderfarmer-Kooperative, deren Fertig-Ragùsoßen aus dem Fleisch der Piemontese-Rinder unter diesem Namen unten im Supermarkt zu haben sind. Die Nudeln waren hervorragend al dente gekocht, in den Spaghetti allo scoglio wie in den Cavatelli monti e mare tummelten sich schöne Oktopusstücke, zwei Miesmuscheln lagen daneben, obenauf lag jeweils ein einzelner Gamberetto - beide Soßen schmeckten prächtig nach den Meeresfrüchten, waren sich allerdings auch überraschend ähnlich.

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Die Hauptgerichte fielen dagegen ab. Die Tagliata di manzo war zwar ein sehr zartes, bestens rosa gebratenes und elegant angeschnittenes Stück Rindersteak, hatte sich aber wohl auf irgendeiner Anrichte wartend bereits ins Lauwarme abgekühlt. Die Dorade war im Gegensatz dazu zu lange auf dem Grill gelegen - und nicht mal eine Zitronenscheibe lag dabei, um etwas Saft auf den leicht ausgetrockneten Fisch zu geben. Die Zucchini- und Auberginenscheiben dazu waren allzu weich gegrillt, die Rosmarinkartoffeln etwas fade. Am Fritto misto aus allerlei Tintenfischen, Sardinen, Sardellen, Garnelen, serviert in einem Drahtkörbchen, war dafür nichts auszusetzen - ein einfaches Gericht, ohne Tamtam und Chichi frittiert.

Zum Nachtisch lassen sich Cannoli, Profiterole, Törtchen, und Pralinen auswählen, alle im Miniformat, alle vorgefertigt und alle sehr verlockend - und keineswegs enttäuschend. Gut ausgewählt sind auch die offenen Weine, besonders gefiel eine Spitzencuvée aus Weißburgunder, Chardonnay und Picolit aus dem Friaul. Zum baldigen Milliardenumsatz des Konzerns tragen Preise von zwölf bis 14 Euro für die Pasta und 16 bis 23 Euro für die Hauptgerichte bei, Beilagen extra