Konzertsaal Seehofers Sackgasse

In der Debatte um den Konzertsaal sucht die Stadt einen Standort - 38 Flächen sind bereits untersucht worden.

(Foto: SZ-Karte: Michael Mainka; Quelle: Wissenschaftsministerium)

Die Entscheidung, den Gasteig um- statt einen neuen Konzertsaal zu bauen, vergrätzt auch viele CSU-Wähler. Doch ein Rückzieher ist nicht so leicht möglich.

Von Christian Krügel

Spötter sagen ja, es gebe kaum noch eine freie Fläche in der Landeshauptstadt, die noch nicht als Standort für einen neuen Konzertsaal in Betracht gezogen wurde. Das ist natürlich maßlos übertrieben, denn den Vorschlag, ein neues Odeon etwa auf der Theresienwiese, im Ost- oder Westpark, gar im Englischen Garten oder im Olympiapark zu errichten, hat nun wirklich noch niemand gemacht.

Wobei: So ganz stimmt selbst das nicht. Wichtige Kunstförderer der Stadt hätten zum Beispiel einer Philharmonie direkt neben dem Haus der Kunst, im südlichsten Teil des Englischen Gartens, etwas abgewinnen können. Und die Mehrheit des zuständigen Bezirksausschusses hat selbst erst vor wenigen Wochen den Olympiapark ins Gespräch gebracht, genau genommen das Areal des heutigen Eissportstadions, das wohl 2018 abgerissen werden wird.

Ein mehrfach gegebenes Versprechen

Beim Blick auf die 38 Standorte, die laut Kunstministerien in zwei Arbeitsgruppen 2010/2011 und 2014 untersucht wurden, kann man ja den Grant schon ein wenig verstehen, der Ministerpräsident Horst Seehofer vor zwei Monaten gepackt hatte: Von der ewigen Standortsuche habe er jetzt genug, weshalb er gar keinen neuen Konzertsaal mehr bauen will. Dabei vergaß er mal eben sein mehrfach gegebenes Versprechen - und dass die vom Kunstministerium einberufenen Experten eine ganz klare Standortempfehlung gegeben hatten: den Finanzgarten hinter dem Landwirtschaftsministerium.

Davon wollte Seehofer nichts wissen - sei es aus Angst vor Baumschützern oder generellem Unwillen. Anfang Februar hatte er sich stattdessen einem gemeinsamen Projekt mit Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) verschrieben: Ein Totalumbau der Philharmonie soll es jetzt richten.

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Eine Entscheidung, mit der sich Seehofer in eine echte Sackgasse manövriert hat - sagen sogar in der CSU und im Umfeld der Staatskanzlei viele. Denn der Ministerpräsident habe völlig unterschätzt, wie groß der Protest des Münchner Konzertpublikums sein würde. Dahinter steckt inzwischen die ganze Kultur- und Teile der Wirtschaftsszene Münchens, zu großen Teilen CSU-Klientel. Sich abwatschen zu lassen, macht aber selbst der Staatsregierung nicht dauerhaft Spaß, obwohl Kunstminister Ludwig Spaenle diesen Arbeitsauftrag von Seehofer derzeit perfekt erfüllt. Ein Rückzieher vom Konzertsaal-Rückzieher wäre manchem im Kabinett durchaus recht - wenn er nur gesichtswahrend möglich wäre.

Jeder der Teilnehmer ist befangen

Dafür könnte die Arbeitsgruppe ganz gut sein, in der Vertreter von Staat, Stadt, Münchner Philharmonikern, BR-Symphonieorchester und freien Konzertveranstaltern sitzen. Sie sollen prüfen, ob in runderneuerter Philharmonie und saniertem Herkulessaal wirklich alle Wünsche aller Beteiligten erfüllt werden könnten. Da aber jeder der Teilnehmer befangen ist, soll nun ein unabhängiges Gutachten Klarheit bringen. Über die Osterferien müssen deshalb die Mitarbeiter der Beratungsfirma Actori durcharbeiten: Bis Ende April sollen Ergebnisse vorliegen, der Landtag und der Stadtrat wollen noch vor dem 1. Mai informiert werden.

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Das Unternehmen von Stefan Mohr und Maurice Lausberg ist spezialisiert auf Aufträge aus Kunst und Sport, Actori beriet die Salzburger Osterfestspiele ebenso wie die Deutsche Fußballliga. Lausberg ist zudem Professor für Kulturmanagement an der Hochschule für Musik und Theater München. Trotz der Kompetenz werden sie Seehofer keine einfache Lösung präsentieren können. Kommen Lausberg und seine Kollegen zu dem Schluss, dass Seehofers Plan am Gasteig aufgeht, wird es gegen diese Lösung heftigen Widerstand des BR und seines Symphonieorchesters geben. Bei allen Vorschlägen, die auf eine Kompromisslösung hinauslaufen, werden auch die Münchner Philharmoniker nicht mehr mitziehen.

Damit ist Seehofer dann aber auch nicht aus dem Schneider. Um eine Kooperation mit der Stadt hatte er derart intensiv geworben, dass eine vollständige Absage an OB Reiter einem ziemlichen Affront ihm gegenüber gleichkomme. Also werde sich der Freistaat in jedem Fall schon an der Gasteig-Sanierung finanziell beteiligen müssen, vermuten im Landtag manche. Dann hat München immer noch keinen neuen Konzertsaal, aber der Staat schon mal weniger Geld.

Wirklich helfen würde nur ein Wunder

Womit wir wieder bei der Standortfrage wären. Denn wirklich helfen würde Seehofer und der Staatsregierung nur, wenn es hier wie durch ein Wunder eine Lösung gäbe. Ein Privatmann, der gerne ein Grundstück, wo auch immer, zur Verfügung stellen würde, wäre jetzt recht. Oder ein weitreichender Pakt mit der Stadt, die im Gegenzug zur Gasteig-Sanierung vielleicht wirklich Flächen im Olympiapark oder in Entwicklungsgebieten wie an der Großmarkthalle oder in Riem zur Verfügung stellt.

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Oder aber ein Standort, wo man gleich noch ein anderes Problem lösen könnte. Nicht umsonst hat Kunstminister Ludwig Spaenle deshalb wieder den Kongresssaal des Deutschen Museums ins Gespräch gebracht. Für die Sanierung des Museums geht das Geld aus, für einen Umbau des Kongressgebäudes reicht es nie und nimmer - das wäre ein Hebel, um widerspenstige Konzertsaal-Gegner im Kuratorium des Hauses gefügig zu machen. Das streitet Spaenle zwar offiziell ab, Kenner erwarten aber, dass Mitglieder des Kuratoriums vor dessen Sitzung Anfang Mai so manchen Anruf aus der Staatsregierung bekommen dürften.

Selbst wenn der Museumsplan schief geht, hätte sich Seehofer aber wenigstens ein bisschen aus seiner Sackgasse befreit: Denn dann scheitert die Sache ja an anderen, nicht an ihm.