Konzertkritik:Eine Liebe, die langsam wächst

Polica

Auf der Bühne wirkt Channy Leaneagh oft schüchtern und leicht entrückt.

(Foto: Propeller Music/oh)

Poliça ist keine Rockband, die den Saal mit zwei Hooklines im Sack hat. Statt Mitklatsch-Hits liefert sie fein arrangierte Midtempo-Stücke und komplexe Soundgebilde - mit zwei Schlagzeugern.

Konzertkritik von Oliver Klasen

Channy Leaneagh, die Sängerin von Poliça, war an diesem Samstag schon einige Stunden vor der Show am Auftrittsort, hatte also Zeit, sich die Umgebung anzugucken und ihre Eindrücke auf Instagram zu posten. Ihr Pech war, dass das Konzert ihrer Band im Technikum auf dem alten Kultfabrikgelände stattfand. Hier ist München auch nicht schöner als Orte, die Castrop-Rauxel oder Sulzbach-Hühnerfeld heißen. Leaneagh fotografierte also erstens die lange Fahrradunterführung unter dem Ostbahnhof, durch die sie alleine niemals gehen, sondern höchstens rennen würde, wie sie gestand, und zweitens ein paar graue Gewerbegebietsfassaden, über denen sie immerhin ein "perfektes Herbstwetter" zu erkennen glaubte.

Die Sängerin ist ja Expertin auf dem Gebiet, die Faszination an der Tristesse zu erspüren und Glücksgefühle auch inmitten der Melancholie zu suchen. Ihre Songtexte handeln von kaum etwas anderem.

Das Konzert in München steht am Ende einer Tour, die die US-Band in mehr als ein Dutzend europäische Länder geführt hat. Als das Debütalbum "Give you the Ghost" vor vier Jahren erschien, wurden Poliça von Musikjournalisten, Bloggern und Kollegen als das nächste große Ding gehandelt. So etwas hatte es bis dahin nicht gegeben. Flirrende und blubbernde Synthiearrangements, zwei Schlagzeuger (!), kein Gitarrist (!), und eine mit dem Klangmanipulationsprogramm Autotune verfremdete Stimme, die wie eine riesige Marionette irgendwo im Raum schwebte und bei der alle Fäden in diesem aus Indiepop, Elektro, House, Neofolk, R'n'B und Trip-Hop bestehenden Soundgeflecht zusammenliefen.

Ganz so groß wurden Poliça dann doch nicht. Das Technikum ist nicht ausverkauft an diesem Abend. Im Publikum ähnlich viele Stile wie in der Musik: Chucksmädchen, Frauen im silbernen Glitzerkleid, seitengescheitelte Männer in Lederjacken, bärig-bärtige Holzfällerjungs.

Moderne Protestmusik

Eröffnet wird der Abend von einem Künstler namens Fog. Dahinter verbirgt sich der Multiinstrumentalist Andrew Broder, der wie Poliça auch aus Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota kommt. Fog arbeitet mit zwei Turntables, mit Hilfe des Scratchings erzeugt er ein komplexes elektronisches Geblubber und Geflicker. Das kombiniert er mit Pianoklängen und Falsettstimme. In guten Momenten erinnert das ein wenig an die Achtzigerjahre-Band Frankie goes to Hollywood. In schlechten Momenten gilt der Kommentar eines Konzertbesuchers aus einer der vorderen Reihen: "Schon sehr speziell, der Gute".

Um kurz nach halb zehn betreten Sängerin Channy Leaneagh, Bassist Chris Bierden und die beiden Drummer Drew Christopherson und Ben Ivascu die Bühne, alle komplett in schwarz gekleidet. Sie beginnen mit "Someway" von ihrem dritten Album "United Crushers", das Anfang dieses Jahres erschienen ist. Was Poliça dort tun, wollen sie als "moderne Protestmusik" verstanden wissen. Anders als auf den beiden ersten Alben, die textlich sehr in sich gekehrt waren, singt Leaneagh jetzt auch über die Verwahrlosung der Städte und Polizeigewalt in den USA. Eins-zu-eins-Botschaften sind aber nicht ihre Sache, sie liebt es, kryptisch zu texten, Interpretationsspielräume zu lassen.

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