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Konzerte:Zweierlei Pietäten nach dem Amoklauf

Musikfestival "Rockavaria" in München, 2016

In einer "Woche der Trauer" sollen keine Konzerte stattfinden - aber nur, wenn die Veranstaltungen städtisch sind.

(Foto: Florian Peljak)

Warum müssen Konzerte im Theatron ausfallen, während im ebenfalls städtischen Olympiastadion mit Andreas Gabalier "die größte Volks-Rock-'n'-Roll-Party der Welt" stattfindet?

Wenn etwas richtig wehtut, dann ist das ein Anlass zur Trauer. Wenn es aber um richtig viel Geld geht, dann wird Trauer schnell einmal relativ. So empfinden das derzeit die Schausteller auf dem Olympiapark-Sommerfest und die Musiker beim Theatron-Festival. Beides sind städtische Veranstaltungen, und Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hat wegen des Amoklaufs eine Trauerwoche ausgerufen, während der es keine städtischen Feiern und Volksfeste geben soll. Deshalb beginnt das Sommerfest nicht an diesem Donnerstag, sondern erst am Montag.

Nun aber gibt es den merkwürdigen Umstand, dass am Samstag im Olympiastadion "die größte Volks-Rock-'n'-Roll-Party der Welt" stattfindet: Der österreichische Popstar Andreas Gabalier erwartet 70 000 Fans. Man kann sagen: Das Stadion wurde von einem privaten Konzertveranstalter gemietet, der hat viel Geld dafür bezahlt. Stimmt. Trotzdem wirft das einen unguten Schatten auf eine Trauerwoche, in der Bands wie Dreiviertelblut, die dieser Trauer durchaus Form geben könnten, nicht im Theatron spielen dürfen, während 200 Meter weiter Gaudi und Halligalli regieren. Und obendrein überlegt wird, ob man Imbissstände und Biergärten zum Gabalier-Konzert nicht doch öffnet.

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Beim Tourveranstalter hat man jedenfalls nicht daran gedacht, das Konzert abzusagen oder zu verlegen. In einer Stellungnahme ist nur von verschärften Sicherheitskontrollen die Rede und nach wie vor wirbt die (städtische) Olympiapark-GmbH auf ihrer Internetseite fröhlich für das Gabalier-Konzert. Oberbürgermeister Reiter sagt, er habe nur Einfluss auf städtische Veranstaltungen: "An die privaten Veranstalter kann ich dagegen nur appellieren, ähnliche Veranstaltungen ebenfalls abzusagen."

Edmund Radlinger, Vorsitzender der Schausteller, sagt: "Wir stehen voll und ganz hinter der Trauerwoche." Man sei als Münchner mit dem Herzen dabei und habe OB Reiter von Anfang an unterstützt. "Aber ich verstehe nicht, warum die einen trauern und die anderen nicht." Recht hat er. Wer das versteht, der denkt auch beim Trauern nur in einer einzigen Kategorie: der betriebswirtschaftlichen.