Als Chef der Konzert- und Kabarettagentur "BrotZeit & Spiele" trat Wolfgang Ramadan lange diplomatisch auf, von seiner anderen Passion als Lyriker und Bühnenfigur hat er aber gelernt. Er spricht jetzt nach zwei Jahren Veranstaltungsflaute bewusst in drastischeren Bildern: "Unsere Branche liegt auf der Intensivstation", sagt der Ickinger, der normalerweise acht Kommunen mit Kultur versorgt. Dem Einwand, die Metapher könne alle verletzen, die selbst schwer an Corona erkrankt oder liebe Menschen verloren haben, entgegnet Ramadan, er habe nach "insgesamt 1000 Terminabsagen und -verlegungen" selbst im Krankenhaus behandelt werden müssen, Bluthochdruck, das Herz. Viele Freiberufler, die von und für Veranstaltungen lebten, sind am Ende, finanziell, körperlich und seelisch. Er wisse, dass er dafür wieder angegriffen wird, aber Ramadan sagt: "Die Leute an den Kammerspielen, der Oper, dem Volkstheater haben Urlaub auf Staatskosten gemacht, während wir um unsere Existenz gekämpft haben."
Aber ist nicht ein Ende der Krise in der ungeförderten freien Konzert-, Tanz- und Theaterszene absehbar? Ab sofort dürfen doch die Säle wieder zu Dreivierteln gefüllt werden, die Konzertkalender in der zweiten Jahreshälfte sind prall belegt. Und für die Übergangszeit wichtig: Nachdem etwa der bayerische Rock-Intendant Bernd Schweinar Alarm geschlagen hat, verlängerte der Bundesarbeitsminister dann doch noch die Kurzarbeitergeld-Regel bis Juni - wäre sie nach 24 Monaten Ende März ausgelaufen, hätte wohl eine Entlassungs- oder Pleitewelle die Branche endgültig plattgemacht.
Seit Anfang des Jahres müssen die Agenturen die Hälfte der Sozialabgaben zahlen für Mitarbeiter in Kurzarbeit
Aber es ist komplizierter. Zum Beispiel müssen die Agenturen seit Anfang des Jahres die Hälfte der Sozialabgaben berappen bei allen Mitarbeitern, die sie in Kurzarbeit schicken mussten. Und wer außerdem nichts einnimmt, aber nur 90 Prozent der Betriebsausgaben vom Bundeshilfsfonds erstattet bekommt, der ruiniert sich unausweichlich, erklärt Axel Ballreich, bestens vernetzter Chef des Konzertbüros Franken. Ab April wären sogar 100 Prozent der Sozialabgaben fällig, aber dann will und muss Ballreich eh alle Mitarbeiter zurückholen.
Wenn dann der Konzertbetrieb wieder brummt, lauert das nächste Problem: Alle Bands wollen endlich spielen und touren, verlegte Konzerte ballen sich, und der virensichere Sommer werde auch für Club-Shows "trendy", sagt Frank Bergmeyer von Propeller Concerts aus München. Er befürchtet, dass dann zu wenig erfahrene Bühnenhelfer oder gelernte Fachkräfte wie Tontechniker, von denen viele in andere Branchen oder Festanstellungen abgewandert seien, zur Verfügung stehen. Die Honorarforderungen dürften steigen, und damit auch die Ticket-Preise. Mit 50 Veranstaltern hat er in einem Brandbrief davor gewarnt, dass aufgrund des "drastischen Personalmangels" und "Dienstleistersterbens" (es werden auch Clubs und Spielstätten die Krise nicht überleben) viele Konzerte, auch ausverkaufte, noch abgesagt werden.
Was tun? Weitermachen. "Wir spielen auch mit dem Kopf unterm Arm", sagt Wolfgang Ramadan. Das ist schön fürs Publikum, nicht aber für die Veranstalter. Die Politik sollte schnell nachbessern, bevor Köpfe rollen.
