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Konzerte in Corona-Zeiten:Musikalisches Kirchenasyl

St. Maximilian funktioniert 35 Gottesdienste zu einer Solidaritätsaktion für Künstler um

Von Oliver Hochkeppel

Kulturveranstaltungen und Konzerte mit Publikum sind verboten, Gottesdienste jedoch unter Einhaltung der Hygieneregeln weiterhin erlaubt, so besagen es die aktuellen Bund-Länder-Regelungen. Das Katholische Pfarramt St. Maximilian kam nun auf die Idee, dieses Privileg für die eindrucksvolle Solidaritätsaktion "Advent Culture" zu nutzen: 35 Gottesdienste bis zum 6. Januar werden von Musikern begleitet, die so wieder in den für sie selten gewordenen Genuss von Auftritt und Gage kommen.

"Wie wollen auch in der Pandemie nichts ausfallen, sondern uns etwas einfallen lassen," gab Kirchenpfleger Stefan Alof das Motto vor, als er am Donnerstag zusammen mit Pfarrer Rainer Maria Schießler, Monsignore Siegfried Kneissl vom Erzbischöflichen Ordinariat, Ulrich Schäfert vom Kunstpastoral des Erzbistums sowie Fanny Kammerlander, Konstantin Wecker, Franziska Eimer, Werner Meier und Mardit Sarholz auf Künstlerseite das Projekt samt Programm vorstellte. "Das Ganze wäre nie zustande gekommen", berichtete Alof weiter, "wenn wir nicht mit Fanny Kammerlander ins Gespräch gekommen wären, die uns jetzt in kürzester Zeit ein großartiges Programm gemacht hat."

Die Cellistin hat Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit kirchlichen Institutionen: Für die Konzerte in der Bar Gabanyi, die sie seit Jahren zusammenstellt, hatte sie die evangelische Auferstehungskirche in der Gollierstraße als Ausweichquartier ausfindig gemacht. Umso mehr freue sie sich trotz der "kurzfristig enormen Arbeit" auf die Aufgabe, in St. Maximilian etwas für die "wie ich freischaffenden Musiker zu tun, die seit März mit Berufsverbot belegt sind."

Fanny Kammerlander, Stefan Alof, Konstantin Wecker, Siegfried Kneissl und Ulrich Schäfert freuen sich auf das Programm (von links).

(Foto: Gino Dambrowski)

Und so wird nun bei den Engelämtern an den kommenden Samstagen und den Gottesdiensten an den Sonntagen zum Ein- und Auszug sowie im liturgischen Ablauf statt der üblichen Kirchenlieder Live-Musik von herausragenden hiesigen Musikern erklingen. Alles natürlich unter Einhaltung der Corona-Regeln: "Zum Glück haben wir die Kirchenbänke schon im Sommer ausgebaut," berichtet Kneissl, der als Vorsitzender der Freunde des Nationaltheaters als großer kirchlicher Kulturfreund bekannt ist.

Maximal 200 Zuschauer können auf Stühlen die "Advent Culture"-Gottesdienste verfolgen, kontrolliert wird das über Anstecker, die jeder Besucher am Eingang kriegt und am Ausgang wieder abgibt. Dass alles klappt, davon ist Pfarrer Schießler überzeugt: "Wir haben das mit der klassischen Pianistin Vivienne Walser schon einmal ausprobiert, und das war wunderbar." Besonders freue er sich auf Heiligabend, wenn von 12 bis 24 Uhr im Stundentakt Gottesdienste mit Musik abgehalten werden, die Hauptmessen sogar zusätzlich als Live-Stream. "Wir wollen eben gerade als Gegenbewegung zu Corona richtig Weihnachten feiern, zur Musik kommt auch noch ein Lichtkonzept und der stimmungsvolle Wald mit 70 Baumen, den wir in die Kirche geholt haben."

Für die Güte der musikalischen Begleitung sorgen Musiker wie der Geiger Gregor Hübner, der Gitarrist Philipp Schiepek, der Pianist Walter Lang, die Sänger Stefanie Boltz und Philipp Weiss oder die Saxofonisten Hugo Siegmeth und Jason Seizer, Weltmusiker wie Mulo Francel (im Duo mit Nicole Heartseeker), Andreas Hintersehern (im Duo mit Martina Eisenreich) oder Evelyn Huber von Quadro Nuevo, das Musai Quintett oder der Tango-Gitarrist Louis Borda, genreüberschreitende Klassiker wie Munich Tetra Brass oder das Toxic Garden String Quartet und Volksmusiker wie die Nouwell Cousines, Christian Loferer, die Buazbichler Musikanten oder Zitherspiler Manuel Kuthan und sein Glitzerbeisl. Letztere hat die ebenfalls auftretende Harfenistin Franziska Eimer, die sonst im Fraunhofer und im Hofbräuhaus Volksmusikreihen betreut, für Kammerlander zusammengesucht.

Bei der "Advent Culture" in St. Maximilian treten Musiker und Musikerinnen wie Franziska Eimer auf.

(Foto: Gila Sonderwald)

Kammerlander wird auch selbst auftreten, zum Abschluss am 6. Januar und an Nikolaus mit Konstantin Wecker, in dessen Band sie ja seit Jahren sitzt. Das "Zugpferd" des Programms, wie ihn Kammerlander nennt, zeigte sich begeistert von der "tollen Idee" und sagte: "Es ist pervers, dass Gottesdienste stattfinden dürften, Kultur aber nicht. Einmal, weil sich Theater und Kulturveranstalter auf die zweite Welle besser vorbereitet haben als die Politik. Aber auch, weil Konzerte oft genug den Charakter von Messen hätten.

An ihn wie an jeden anderen Musiker werden 700 Euro ausgereicht, "die übliche Gage, wie wir sie auch sonst zahlen würden", wie Alof betonte. Möglich wird dies durch eine 50 000 Euro-Spende der Edith-Haberland-Wagner-Stiftung, aber auch durch viele kleine Spenden, zu denen nach wie aufgerufen ist. "Sollte da noch genug zusammenkommen, können wir vielleicht nach dem 6. Januar weitermachen", sagte Alof. Ohnehin wünschten sich nicht nur die anwesenden Künstler, dass womöglich andere Pfarreien dem Vorbild von St. Maximilian folgen. "Kopieren ist erlaubt," sagte Pfarrer Schießler.

© SZ vom 27.11.2020
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