Konzert von Peter Gabriel Ein nicht zu verleugnender Gedanke

Nichts verlernt: Peter Gabriel tourt gerade durch Deutschland. Am Mittwoch weilte er in München (Archivbild)

(Foto: dpa)

Peter Gabriel kredenzt in der Münchner Olympiahalle ein Drei-Gänge-Menü: akustische Vorspeise, elektronisches Hauptgericht und als Nachspeise die Hits seiner Platte "So" von anno dazumal. Nicht alles schmeckt dem Publikum.

Von Lars Langenau, München

1987 fängt schon mal gut an. Die ARD verwechselt die Neujahrsansprache von Kanzler Helmut Kohl und strahlt die von 1986 aus. Willy Brandt tritt als SPD-Chef zurück, Michael Gorbatschow verkündet die Perestroika und US-Präsident Ronald Reagan fordert Gorbatschow am Brandenburger Tor zum Niederreißen der Berliner Bauer auf, Uwe Barschel stirbt in Genf, Rudolf Heß in Spandau. Das Braunkehlchen wird Vogel des Jahres.

Immer noch 1987, Peter Gabriel geht auf Tour. Mit seiner im Jahr zuvor veröffentlichten Schallplatte (!) "So". "So" wird eine sensationell erfolgreiche Platte für den bis dahin eher nur von eingefleischten Genesis-Liebhabern verehrten Gabriel. Kommerziell, aber auch künstlerisch. Mit dem ausgekoppelten Superhit "Sledgehammer" setzte der Engländer zudem Maßstäbe bei animierten Musikvideos. Seine Videos wirken auch noch heute, 2014, in einer Zeit, in der der kleine Smartphone-Bildschirm fester Bestandteil des Lebens ist.

In dieser, unserer, neuen Zeit holt der weitgehend kahlköpfige und pummelige Gabriel 27 Jahre alte Hits aus der Klamottenkiste - und tingelt damit abermals durch die Welt. Am Mittwochabend macht er vor 11 000 Fans in der nicht ganz ausverkauften Münchner Olympiahalle Station. An seiner Seite die Originalbesetzung von 1987, "einer Zeit, als wir alle noch volles Haar hatten", wie er sagt: David Rhodes an der Gitarre, Tony Levin am Bass, David Sancious an den Keyboards und der geniale Schlagzeuger Manu Katché, dessen eigentliche Heimat der Jazz ist.

Gabriel serviert ein Drei-Gänge-Menü: "Dieses Konzert ist wie ein Essen. Vorspeise: eine akustische Session. Hauptgang: der elektronische Teil. Und wenn ihr das überlebt habt, dann gibt es als Nachspeise das komplette Album 'So'", liest er ab.

Das Entrée: Gabriel beginnt mit einem neuen namenlosen Lied, das Hoffnung auf ein neues Album macht. Es folgen "Talk to Me", "Shock The Monkey" und das starke "Family Snapshot", ein Song über ein Attentat.

Doch so richtig genießen kann man es nicht: Der Mann im schwarzen Kittel lässt während der ersten 20-minütigen Session das grausam-grelle Hallenlicht an, das alle Alterserscheinungen seines Publikums jenseits der 40 zu Tage treten lässt. Viele graue Haare, Kleidungsstücke aus den 80er Jahren. Irgendwie ist das hier alles aus der Zeit gefallen.

Das ist der Zeitpunkt, an dem man sich eingestehen muss, dass Peter Gabriel nichts für Jüngere ist. Die finden seine Lieder sogar teilweise "kitschig". Und bei "Don't Give Up", einst im Duett mit Kate Bush gesungen, und "In Your Eyes" stimmt das sogar. Mit "Secret World" wechselt Gabriel zur Hauptspeise.

Heiß ersehnte Hauptspeise

Endlich kommt das richtige Essen: mit rockigen Gitarrenriffs, gegenläufigen Basslinien und impulsiven Drums, inklusive imponierender Lichtshow bei "Fishing Net". Beim grandiosen "No Self Control" wird der 64-Jährige von Lichtkränen umzingelt. Es folgt das wunderbare "Solsbury Hill", mit dem er 1977 seinen Abschied von Genesis verarbeitete und das ruhige, eingängige Stück "Why Don't You Show Yourself".

Nach einer Stunde folgt die Nachspeise, die oft besser als der Hauptgang ist. Und nun zeigen die Lichtkräne, dass Gabriel bei Bühnenshows noch immer ganz vorne mit dabei ist. Er kann sogar Farben! Das rockige "Red Rain" darf das opulente Dessert eröffnen, in dessen Folge sämtliche neun Songs des Albums "So" gespielt werden. Und nun wird es auf den riesigen Leinwänden lavaesk. Schlimm nur, wenn die Nachbarin im Glitzer-Shirt einem bei den Gassenhauern "Sledgehammer", "Big Time", "That Voice Again" und "Mercy Street" den Refrain ins Ohr brüllt.

Es folgt das musikalisch eher belanglose, politisch jedoch interessante Stück "We Do What We're Told" über das Milgram-Experiment. Dann das ebenfalls nicht völlig überzeugende "This Is The Picture" und das wirklich kitschige "In Your Eyes".

Als Pfefferminzplätzchen lassen die alten Recken mit "The Tower That Ate People" nochmal die Funken sprühen und zeigen, was in altem Eisen wirklich steckt. Bei "Biko", dem Lied für den 1977 zu Tode gefolterten südafrikanischen Bürgerrechtler, wird die Überzeugung des Publikums mit gestreckter Faust gezeigt. Man weiß ja, dass man auf der richtigen Seite stand. Damals.

"So" so. Nach gut zwei Stunden endet die Zeitreise. Ach, eins hätten wir fast vergessen: 1987 wurde Robert Mugabe Präsident von Simbabwe. Es gibt also doch noch ein Stückchen Kontinuität. Und diesen nicht zu verleugnenden Gedanken: Mein Gott, was ist man alt geworden.