DJ Ötzi und das Oktoberfest Von Herzen, mit Schmerzen

In der Ruhe liegt die Kraft: Gerhard Friedle, alias DJ Ötzi, findet nicht zuletzt in den Bergen seiner Tiroler Heimat den inneren Ausgleich.

(Foto: Moritz Kuenster)

Kaum ein Musiker hat mehr Wiesnhits produziert als DJ Ötzi. Er möchte aber auch als Sänger sanfter Balladen wahrgenommen werden.

Von Michael Zirnstein

Gerhard Friedle wird gut ohne die Wiesn auskommen, die Wiesn aber nicht ohne ihn. Nach sieben bis acht Millionen Mass wird kein Werk eines Musikers so oft gegrölt worden sein wie das von ihm, DJ Ötzi: "Anton, Anton, Anton, Anton" haben sie, wie seit 20 Jahren, seinen "Anton aus Tirol" eingefordert, "Uuh, aah!" haben sie zu "Hey, Baby!" gegrunzt, und bei "Ein Stern" durften auch echte Kerle in Lederhosen einmal rührselig sein. Selbstbewusst, sexy, sensibel - DJ Ötzi weiß, was Massen mit Massen in der Hand brauchen.

Denn der Party-Musiker, der kein Instrument spielen kann und keinen Alkohol mehr trinkt, hat das, was es braucht, um Hits zu produzieren: ein Gespür dafür, was ankommt. Da ist er ganz, was er anfangs war: ein Discjockey. Seine Hits waren oft gar nicht seine Hits, aber er hat sie dazu gemacht: "Hey Baby" brachte den Texaner Bruce Channel bereits 1961 an die Spitze der US-Charts, ohne DJ Ötzi wäre der Oldie aber verstaubt wie vielleicht auch Neil Diamonds "Sweet Caroline", aber mit seiner Stimme ("Ei wonna no-ho-ho-hou ..."), seinem Einpeitschen ("... fünf, sechs, sieben, acht") und dem "Uuh aah" machte er es fit für Massenpartys - es wurde sogar beim amerikanischen Superbowl gespielt, in Ötzis Version, für die er als erster Österreicher in den USA mit Platin geehrt wurde und die er von England bis Australien auf Platz eins brachte.

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Ein wenig wird es den Tiroler gewurmt haben, dass er den Hit des Jahres 2018 zu spät angepackt hat. Angeblich habe er "Bella Ciao" schon vor Jahren bei einem Konzert von André Rieu gehört und bewundert. Aber dann ließ er die Chance doch liegen, und später spielte ihm seine 16-jährige Tochter Lisa Marie vor, wie der Kollege "El Professor" das hundert Jahre alte Rebellenlied der italienischen Tagelöhner für die Netflix-Serie "Haus des Geldes" aufgepeppt - oder verhunzt - hat. Vielleicht hätte er es sein lassen, doch schließlich bot ihm Peter "Rosenstolz" Plate, den er "für einen der besten deutschen Schreiber" hält, einen deutschen Text dazu an, und jetzt musste er einfach mitmischen: "Komm lass uns leben, komm lass uns lieben. Bella ciao ciao ciao." Am 28. September kam DJ Ötzis Version heraus, wohl zu spät fürs Oktoberfest, aber Friedle geht es nicht um den kurzfristigen Erfolg - "es geht um die globale Situation. Der Vulkan, auf dem wir tanzen, der ist kurz vor dem Explodieren."

Das mag nach Schlager-Festival-Moderation klingen, naiv und berechnend, aber wer diesen Gerry Friedl einmal getroffen hat, weiß: Der meint es ehrlich. Auch wenn er über seinen Auftrag als DJ sagt: "Ich möchte den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern." Der Mann aus St. Johann in Tirol hat schon so oft schonungslos von seinen eigenen Problemen erzählt, von seiner schwierigen Kindheit als ungeliebter Bub zwischen Pflegeeltern, Großeltern und Internat, von seiner Zeit als Obdachloser, und von seinem Burnout als erster Volks-Rock'n'Roller noch lange vor Andreas Gabalier, dass man ihm seine Mission abnimmt: "Ich will, dass es den Leuten gut geht", sagt er immer wieder. Wenn er das Leid der anderen einen Song lang lindert, heilt er sich selbst - und umgekehrt. Er meint das alles ernst, selbst so ein Album wie sein letztes: "Von Herzen".

Er kann ja nicht nur covern, sondern auch Lieder wie mit dem Baukasten zusammensetzen, indem er seinem Musikproduzenten die Steinchen dazu vorsingt, vordirigiert und am Plattenspieler vorspielt, was ihn gerade musikalisch bewegt - eine Live-Aufnahme von Elvis Presley in New York zum Beispiel. Bei "Ein Stern, der deinen Namen trägt" hat das 1998 funktioniert, es habe "den Feenstaub der Produktion gebraucht", sagt Friedle. Das Rührstück mit dem Co-Sänger und Gitarristen Nik P. stand 13 Wochen lang auf Platz eins, war 41 Wochen in den Top Ten, und fast drei Jahre lang in den Top 100. Hätte man der harmlosen Nummer nie zugetraut. Ist auch schwer wiederholbar, "Von Herzen" war dann nicht so erfolgreich. Darauf befindet sich der Häkeldecken-Schlager ebenso wie Deutsch-Pop, der von Bourani-Benztko-Forster sein könnte, darauf ist der Après-Ski-Schwinger "Ein Mann für Amore" mit der antonhaften Selbstironie, die im Bier-Rausch schnell in Selbst-Überschätzung umschlägt ("a Körper wie a Baum und a Hüften wie a Traum") ebenso wie ein fast schmerzhaft-schwülstiges "Ewige Liebe", das einem gar nicht mehr so peinlich ist, wenn man weiß, dass sein Ursprung ein altes Schweizer Volkslied ist.

"Ich bin jetzt bei mir"

Wenn man Gerhard Friedle fragt, was ihn zu dieser Platte angetrieben hat, dann erzählt er von einem Pilgerfußmarsch auf dem Jakobsweg, von einem Zwiegespräch mit Jesus ("den ich gut finde") in der Kirche von Santiago de Compostela, und einer unheimlichen Kraft, die ihm das gegeben habe: "Danach war es enorm, einfach anders. Ich habe nach dem Jakobsweg zum ersten Mal gesehen: Ich kann etwas durchziehen. Ich bin jetzt bei mir."

Auch das klingt wieder so banal, ist aber entscheidend für einen neuen Abschnitt in seiner Karriere. Denn früher war der Mann mit der Häkelhaube unsicher. Er wusste, dass "der Anton", den 14 Bands vor ihm abgelehnt hatten, ein Hit war, aber erst wollte er es nicht einsingen, um sich nicht auf diese Art von Partymusik festzulegen. Und als er sich dann doch hatte überreden lassen, wollte er seine eigene Version als DJ nicht auflegen. "Meine Aufgabe war, die Tanzfläche zu füllen, und ich dachte: Wenn ich das spiele, gehen die alle." Dann überredete ihn ein Freund in Salzburg dazu, "ich habe mich geduckt und gedacht, mein Gott, ich bin nicht schön, ich bin nicht toll. Ich habe mich mit der Nummer nicht identifiziert." Er machte das ja nur, das Auflegen und dazu Singen, weil er darin eine Chance sah, "auf die Bühne zu kommen als Sänger." Aber auf Tournee zu gehen mit einer Band und seinen eigenen Stücken, das traute sich der TV-Star bisher nicht: "Weil ich den Mut dazu nicht gehabt habe."

Jetzt hat er die Kraft, bei seinen "Gipfeltreffen" alles zu vereinen, was die Veranstalter ihm aufgetragen haben: "Hits, Hits, Hits und Party ohne Ende." Aber auch, was er will: "Ich muss die Leute in meine Schwingung bringen, in die Emotion, dazu muss ich auch meine Balladen spielen." Dann erst sieht er sich am Ziel: "Das ist der Erfolg, wahrgenommen zu werden als Musiker." Somit zählt jeder Gast, der ihm am letzten Wiesnsonntag im Circus Krone zuhört und ohne DJ Ötzis Hits auf dem Oktoberfest auskommt.

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