Kritik:Die Bälle zuspielen

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Klaus Mäkelä und Sol Gabetta in der Isarphilharmonie.

Von Michael Stallknecht

Der dritte Satz von Peter Tschaikowskys Sechster Symphonie löst gern vorzeitigen Beifall aus, erst recht wenn er so rasant gespielt wird wie nun vom Oslo Philharmonic Orchestra in der Isarphilharmonie. Dessen Chefdirigent Klaus Mäkelä übergeht den Applaus, schließt den langsamen Schlusssatz nahtlos an. Soviel Durchsetzungskraft braucht es wohl, wenn man mit 26 Jahren bereits Chef zweier großer Orchester ist. Bei dem jungen Finnen entsteht sie aus Leidenschaft für die Musik, man hört es in der "Pathétique" am existenziellen Pathos, den tatsächlich jugendlich gesteigerten schnellen Tempi.

Bemerkenswerterweise liegt ihm das Leichte genauso gut, nicht erst im tänzerischen zweiten Satz von Tschaikowskys Symphonie, sondern bereits zuvor im ersten Teil des Abends. Zwei weitere Werke russischer Komponisten standen da auf dem Programm: Igor Strawinskys "Divertimento" und das Erste Cellokonzert von Dmitri Schostakowitsch. In der Orchestersuite, die Strawinsky aus seinem eigenen Ballett "Le Baiser de la Fée" entwickelte, bringt Mäkelä die rhythmischen Wechsel, auch die zwischen Soli und Tutti mit hoher Präzision auf den Punkt, bleibt dabei leichthändig im humorvollen Understatement. Solche Gelassenheit kennt man sonst nur von deutlich älteren Dirigenten: manchmal auch einfach nichts zu machen, zuzuhören, wenn zum Beispiel ein Orchestermusiker ein schönes Solo hat. Musiker lieben solche Freiräume innerhalb eines klaren Rahmens, auch Starsolisten wie Sol Gabetta.

Die kommt für Schostakowitschs Cellokonzert hinzu, taucht zu Beginn noch vorsichtig und leicht vernuschelt im Orchestergewusel unter. Doch spätestens im langsamen Satz trumpft sie mit sonorem Cellogesang bis in die heiklen Höhen hinauf, liefert die Kadenz danach blitzsauber ab. Gabetta und Mäkelä, selbst auch Cellist, wissen, dass dieses Stück ein Selbstläufer in der Publikumsgunst ist, drücken nicht nach, sondern spielen sich die Bälle zu, bis zum brillant virtuosen Finale.

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