Kritik:Zauberklangbastelei

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Die singende Dirigentin Barbara Hannigan begeistert die Isarphilharmonie.

Von Reinhard Brembeck

Noch ist Barabara Hannigan ganz Dirigentin. Elegant zieht sie mit großen Bewegungen den Klang aus den Münchner Philharmonikern, formt die Triller als Lockungen, lässt die Sologeige Kapriolen schlagen. Alles ist bei ihr Atem, Leichtigkeit, Rasanz und Atmosphäre. Dann aber, viele im Publikum haben auf diesen magischen Moment gewartet, dreht sie sich um zum Publikum und verkündet strahlend stolz singend, nur sie hätte den Schlüssel zu dieser wilden Parade, die nun folgt. Eine Parade in neun Nummern, bei der sie, wie eine Königin dem Publikum zugewandt, alles auswendig singt und nebenher nach hinten zu den Musikern dirigiert.

Barbara Hannigan ist eine phänomenale Königin. Ihrem hohen und hellen, agilen und jeder Schattierung fähigen Sopran ist nichts zu schwer, die Moderne ist ihre Domäne. Aber so kompliziert auch eine Musik sein mag, sie macht daraus immer ein Paradies, durch das sie ihre zunehmend staunenden Hörer mit Begeisterung führt, mal mit der Lust an ihren mit Understatement gebotenen Akrobatereien, dann ganz Lächeln und Geheimnis, Jubel und Rasanz, Schmerz und Todessehnsucht. Barbara Hannigan kann das alles, sie hat nur nichts übrig für Sentimentalität, Kunstgeraune, Bedeutungshuberei.

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So dirigiersingt sie sich in den Zyklus "Les Illuminations" von Benjamin Britten hinein, der eine Auswahl aus Arthur Rimbauds visionär kryptischen Prosagedichten vertont. Deren Rätsel hat bisher niemand aufhellen können, was ihrer Faszination für Leser und Musiker noch nie Abbruch tat. So spannt auch Barbara Hannigan mit Rimbaud ihre Vokalisen wie Seile, Girlanden und Goldketten durch den Raum, um sich und alle Hörer tanzen zu lassen, sie beschwört Schönheit, den hermaphroditischen Pan, das Paradies der Stürme, Faune, Akrobaten - und das Publikum jubelt ihr stürmisch zu.

Garniert hat Barbara Hannigan den Britten mit einem leichten "Festessen der Spinne" von Albert Roussel, dem Maurice Ravels "Naturgeschichten" antworten. Der Bariton Stéphane Degout führt trocken untergründig seinen Privatzoo aus Pfau, Schwan, Grille, Eisvogel und Perlhuhn vor, seine Stimme taucht in den Orchesterimpressionismus ein, springt jubelnd hervor, ist Schimmern und Leuchten. Zuletzt Joseph Haydn, den Hannigan liebt, weil er wie Ravel, Roussel, Britten ein Zauberklangbastler ist, gerade in der 104. Sinfonie, die die brillant aufgelegten Münchner Philharmoniker wie alles an diesem Abend gutgelaunt und animiert spielen, leicht und virtuos. Bravissimi!

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