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Konzert:Lieder für die kleinen Leute

Stoppok

Eine verschworene Gemeinschaft sind Wally Ingram, Sebel, Stefan Stoppok und Reggie Worthy (von links) schon seit Langem.

(Foto: Robert Grischek)

Die Band "Stoppok" hat mit ihrem aktuellen Album Charterfolg wie nie zuvor in ihrer Karriere. Mit Witz und Herz spielen sie an gegen die Zerstörung des Planeten, feiern den Alltag und die Verlierer

Fleißig war er schon immer, der 64-jährige "Ruhrpott-Poet" Stefan Stoppok, der in Essen aufwuchs, eine Zeit lang auch mal nahe München lebte und seit einigen Jahren wieder in seiner Geburtsstadt Hamburg gelandet ist: 24 Alben - "Best-of"-Platten und Soundtracks nicht gerechnet - hat er vorgelegt, seit er 1982 seine Band Stoppok gründete. Allerdings hat es jetzt vier Jahre gedauert, bis auf "Operation 17" nun "Jubel" folgt. Das allerdings mit einem Paukenschlag: Auf Platz vier der Albumcharts ist die CD eingestiegen, bislang war Platz 17 das Beste, was der auf dem eigenen Label "Grundsound" veröffentlichende Stoppok je geschafft hat.

Der Überraschungserfolg mag auch der veränderten Marktsituation geschuldet sein, bei der man leichter in die Charts kommt, es liegt aber sicher auch daran, dass steter Tropfen den Stein höhlt. Über seine starke Bühnenpräsenz auf Festivals aller Art haben sich die vielfältigen Qualitäten Stoppoks herumgesprochen. Auch "Jubel" vereint wieder die charakteristischen Zutaten. Einmal natürlich die instrumentale Expertise. Stoppok selbst hat sich seit seinen Anfängen als Straßenmusiker nicht nur zum Virtuosen an den entsprechenden Saiteninstrumenten von der Gitarre über die Mandoline bis zum Banjo entwickelt, sondern auch zum Multiinstrumentalisten, der schon mal Waldzither oder Schlagzeug selbst einspielt. Als Begleiter hat er inzwischen nur noch langjährige, bestens harmonierende Weggefährten, die allesamt zu den Großen ihres Fachs gehören: den Bassisten Reggie Worthy, der schon mit Tina Turner tourte, den Hammond- und Wurlitzer-Organisten Sebel (zuletzt auch mit dem Rapper Alligatoah unterwegs) und den Perkussionisten Wally Ingram, den zahllose Stars von Eric Burdon und Sheryl Crow bis zu David Lindley und Art Garfunkel als Tour- und Studiomusiker rekrutierten. Das Folkrock-Fundament dieser Band ist also makellos. "Echter Klang statt Fake Noise", wie es so schön auf der Homepage steht. Kommt Stoppoks unverwechselbarer Gesang dazu, immer leicht nasal-nölig, immer mit einem Straßen-Kunstdeutsch, wie es sonst nur noch Udo Lindenberg kreiert hat.

Dann ist da das Songwriting an sich. Stoppoks Bandbreite zeigt sich schon daran, dass er sowohl jede Menge Liederpreise und den Deutschen Musikautorenpreis gewonnen hat wie auch den Deutschen Kleinkunstpreis und den Weltmusikpreis Ruth. Alben wie "W.e.l.l.n.e.s.s." lappten schon mal fast ins Musikkabarett, andererseits waren auch rein instrumentale dabei. Wie kaum ein anderer kann Stoppok kleine Geschichten der einfachen Leute erzählen, aber auch das große Ganze lyrisch-hymnisch einfangen. Außergewöhnlich gut gereimt ist das durchgängig, und auch die Lässigkeit des Vortrags und die typischen Nachdreher, wenn auf eine Pointe noch einmal ein Halbsatz folgt, heben ihn von anderen ab. Obendrein hat er ein Gespür dafür, wie man aktuelle Themen spannend behandelt.

So fängt "Jubeln" mit "Verjubeln" an, einem klassischen, aber humorvollen Protestsong gegen die Zerstörung des Planeten, dessen Refrain mit "Ein Wunder, dass die Erde sich immer noch dreht" endet. Ein Video hat Stoppok zu "Lass sie rein" gedreht, seinem Kommentar zu Flucht und Migration. Auf die Scheinwelt der Social Media hebt "100 Mio Follower" ab. Immer schon hatte er ein Herz für Underdogs und Verlierer, diesmal widmet sich "Kein Update" dem Scheitern, mit witzigen Zitaten von Stones- oder Bob Dylan-Textzeilen. Auch schräge Liebes- und Lebenslieder gibt es wieder, mit "Wenn 2 zueinander passen" oder "Mal dein Herz an" beispielsweise. Insgesamt ist das Album braver als frühere, aber das wird der begnadete Live-Musiker Stoppok auf der Bühne im Ampere sicher auffangen.

Stoppok, Freitag, 13. März, Ampere, Zellstraße 4

© SZ vom 12.03.2020

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