Süddeutsche Zeitung

Kylie Minogue:Ein Konzert wie ein Musical

Kylie Minogue startet im Zenith ihre Deutschlandtour - doch nur wenige Fans kommen, um sie zu sehen.

Von Bernhard Blöchl

Ein Musical im Zenith? Nun, warum nicht. Es beginnt in der Wüste, Sonnenaufgang hinter den Bergen. Die Tänzer tragen Jeans, Hemd, Weste und Hut, auf ihren Hintern die Initiale K und M. Auf der Videowand rauscht ein Auto durch die Freiheit. Ein Typ lehnt am Saloon, Sehnsucht im Blick und noch etwas anderes. Ein Tandem radelt vorbei. Drinnen fliegt eine Flasche, der Kollege fängt sie auf. Zu Bruch geht hier nichts.

Später Biker in Großaufnahme, Männerhände, die nach Schraubenschlüsseln greifen. Vor der Telefonzelle in der Steppe bildet sich eine Schlange, kann ja mal vorkommen. Dann brennt ein Motorrad. Laub flattert, auf der Videowand und über das Publikum. Ab nach New York. Im Studio 54 flippen alle aus, einer der Tänzer trägt unterschiedliche Schuhe. Zum neuen Hit "Dancing" tun alle, was sie müssen. Dann hinaus in die Münchner Nacht.

Das Musical ist natürlich gar kein Musical, sondern ein Konzert. Aber da es sich bei der Gastgeberin um Kylie Minogue handelt und das Repertoire der australischen Grammy-Gewinnerin sich inzwischen aus 14 Alben speisen kann, wovon das jüngste einen Nashville-Country-Anstrich bekommen hat (gleichwohl ebenfalls Dance-Pop ist), verleitet das Überangebot schon mal zum audiovisuellen Overkill.

Vom Banjo- zum Disco-Feger, von der Cowboy- zur Glamour-Party, von Robbie Williams' "Kids" zu Jason Donovans "Especially For You" sind es nur ein paar Juchzer und Kiekser. Die Handlung, die einem da vorgegaukelt wird, ist freilich wurscht. Das muss gar nicht zusammenhängen, alles nur Klimbim. Das Drumherum für eine Show, die den Moment und die Liebe feiert und ein bisschen auch den Kitsch.

Das Offensichtliche wird mit großen Gesten erklärt (eine Rose für eine Frau zu "Where The Wild Roses Grow", zum Countdown in "A Lifetime To Repair" zählen alle ihre Finger ab). Und dass es sich bei letztgenanntem Song um eine, wenn auch verschmitzte Aufarbeitung des Trennungsschmerzes handelt, hindert die Tänzer nicht daran, fidel dazu ihre trainierten Körper herumzuwirbeln.

Kylie Minouge "flirtet" mit München

Fünf Abschnitte plus Zugaben hat die zweistündige Show, die heißt wie das aktuelle Album: "Golden". Neue Songs wie der gleichnamige Opener, die verliebte Oldtimer-Glorifizierung "Shelby '68" oder der euphorische Zappler "Stop Me From Falling" fügen sich in ein Best-of-Programm aus dem Bubblegum-Frühwerk ("Better The Devil You Know"), der hypnotischen Comeback-Phase ("In Your Eyes", "Can't Get You Out Of My Head") und etwa der Auferstehung der Aphrodite ("All The Lovers"). Fünf Mal zieht sich Kylie Minogue um - vom Sommerkleid mit Stiefeln über den weißen Jumpsuit und den karierten Wickelrock zum goldenen Glitzerkleid.

Eines muss man ihr lassen: Hier sitzt jeder Ton und jedes Outfit, sogar im Sitzen sitzt jede Pose. Die Australierin ist kürzlich 50 geworden, auf der Bühne gibt sie alles. Sie gibt die nette Nahbare, die ein paar Sätze auf Deutsch spricht und mit München flirtet (siehe Foto); die herzliche Chefin, die für einen Mann aus der Crew "Happy Birthday" singt.

In den besten Momenten kann Minogue noch mit den jüngeren Pop-Größen unserer Zeit mithalten. Wie sie und ihre gut eingegroovte Band den gehauchten Schmeichler "Slow" neu interpretieren und dabei "Being Boiled" von The Human League einarbeiten, ist der künstlerische Höhepunkt eines Abends, der trotz der Kritik eines nicht ist: langweilig.

Erstaunlich ist, dass sich zum Start der Deutschlandtour nicht mehr Fans im Zenith versammeln (akustisch übrigens eines der seltenen exzellenten Konzerte dort). Der für die Sängerin neue Spielort (zuletzt Olympiahalle) ist an diesem Abend nicht nur abgetrennt, er ist im vorderen Teil nur locker gefüllt.

Den reihenweise aufgebrezelten Damen und mitunter ebenso aufgebrezelten (und auf sich fixierten) Herren im Publikum ist das nur recht. Sie sind ihrem Star so nah wie dem Sternenhimmel auf der Videowand direkt dahinter. Eine gute Show, die man schnell vergisst.

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Quelle:
SZ vom 15.11.2018/mla
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