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Konzert:Im Steigflug

Mit seiner Band "Django 3000" ist der Geiger Florian Starflinger gerade erfolgreicher denn je, nebenbei steuert er aber auch noch einen Motorsegler.

Über den Wolken mag die Freiheit grenzenlos sein. Aber an diesem wolkenlosen Tag macht starkes Flugaufkommen über dem Unterwössener Alpen-Airport den Luftraum eng. Florian Starflinger behält die Ruhe, steuert seinen Motorsegler geschmeidig durch auf- und absteigende Freizeitflieger. Man könnte darin eine Parallele zum dichten Heimatsound-Tummelplatz erkennen, über dem sich Starflinger seit acht Jahren am Steuer seiner Band Django 3000 stetig emporschraubt. Seit vier Jahren erst fliegt er wirklich - wie viele Musikerkollegen von Reinhard May bis Bruce Dickinson von Iron Maiden. Er wohnt zwei Minuten vom Flugplatz entfernt. "Man muss ja auch noch was anderes machen als Musik", sagt er.

Dabei hat Starflinger sein Berufsleben auf die Musik ausgerichtet. Er studierte Viola am Konservatorium in Innsbruck, hatte ein "sehr gutes Auskommen" mit seiner Klezmercombo Luftmentschn, als sie Hochzeiten und "sämtliche Kleinkunstbühnen Bayern" abklapperten. "Aber irgendwann fragst du dich als Musiker, ob du nicht noch nach was Großem streben willst." Kurs: Berühmtheit. Da fiel ihm und zweien seiner Mitstreiter, dem Bassisten Michael Fenzl und dem Schlagzeuger Jan-Philipp Wiesmann, die damalige Popularität von Electroswing und Balkanbeat auf. "So was auf Bairisch funktioniert hundertprozentig", dachten sie und behielten recht. Gleich ihr erster Versuch als Django 3000 schlug ein. Das Tanzstück "Heidi" ist bis heute ein Hit auf Partys wie auf der Hochzeitshütte Wuhrsteinalm bis zum großen "Chiemsee Summer"-Open-Air in Übersee, dessen heuer erneut ungenutztes Schotterareal Starflinger gerade überfliegt und auf dem Django 3000 freilich schon groß aufgespielt haben.

Sie kamen dank dem "Glücksfall" Heidi auch aus Bayern raus zu TV-Sendungen wie "Inas Nacht" ("Die Jungs sind so hot", so die nordische Gastgeberin), zum Jazz-Festival in Montreux und mit Hilfe eines Verehrers im Auswärtigen Amt nach Russland, Finnland, Südkorea, Indien. "Man darf nicht alles nur auf Bayern beziehen", sagt Starflinger. Band-Frontmann Kamil Müller singt und rappt außer auf "Slowako-Bairisch" auch auf Rumantsch, Spanisch und Englisch - "warum nicht mal auf Hochdeutsch?", haben sie sich bei der Arbeit an ihrem neuen Album gedacht. "Man muss ja auf die Leute zugehen", findet Starflinger und meint die immer zahlreicheren Fans in Köln, Hamburg und Berlin. Das Herzstück der Platte heißt "Heimat" - es handelt nicht nur von Bayern. Kamil Müller hat es vor 20 Jahren geschrieben, als er für eine Au-Pair-Stelle aus der Slowakei in den Chiemgau kam. "Wo die Berg san oder nur a ebens Feld, wo die Freind san, do is a dei Herz", singt er im Video bewegend zu Akustikgitarre und Streicherpathos am Lagerfeuer. Bilder aus der Kindheit flackern auf. "Egal von wo i a herkomm', die Welt ist der Ort, wo i dahoam bin." Sie seien eine unpolitische Band, betont Starflinger, aber als sie sahen, wie man in Europa mit den ankommenden Flüchtlingen umgeht, beschlossen sie, klarzustellen, wo sie stehen, wie weit sie den Begriff Heimat fassen - als weltoffenen Ort, nicht als abgeschlossenen. Freilich kreist Starflinger am liebsten über seinem neu gebauten Blockhaus in Kruchenhausen, "da ist es ja schön", aber er fliegt auch Langstrecke.

Heimat ist für sie ein weltoffener Ort: die Musiker der Band "Django 3000" mit ihrem Anführer Florian Starflinger (Zweiter von rechts).

(Foto: Crow Records)

Ihre Reise zu den Metropolen Indiens, wo sie an Universitäten, Musikschulen und auf der Straße spielten, hat tiefen Eindruck hinterlassen. Ein Besuch in den Slums Neu-Delhis habe ihm die Augen geöffnet, sagt Starflinger: "Wir dürfen so leben, weil die so leben müssen. Und sie sind dankbar dafür." Nach der Rückkehr schrieben sie das Stück "Dirty Scum", in dem nicht nur die Sitar und Bollywood-Sound zu hören sind, sondern auch die soziale Härte der Großstädte. Auch wenn mehrere Songs wie "Gold Digger" oder "Menschen von Morgen" die momentane Hassgesellschaft anprangern, ist "Dirty Scum" für den Geiger der "krasseste Song" auf dem Album "Django 4000".

Ihre fünfte Platte ist die nächste Zündstufe. Die Band macht weiter, wo sie sich mit "Im Sturm" erneuerte, als die ursprüngliche Akustik-Gruppe mit Max Schuller einen jungen Keyboarder dazu holte. Seinen Synthie-Klang pflegen sie nun stärker ein, geben ihm sogar ein spaciges Solo im Stück "Magnet". Schon das bringt den neuen Sound noch mehr vom Balkan-Rock'n'Roll weg und hin zu erwachsenem Überwältigungs-Pop, aber dann kam auch noch JB Meijers von den Common Linnets als Produzent dazu. Starflinger hatte den Niederländer schätzen gelernt, als sie als musikalische Gäste mit Peter Maffay auf Tour waren. "Er ist unser erster Produzent, der selber Musik spielen kann", sagt Starflinger. Bei den zehntägigen Aufnahmen in Maffays Tutzinger Studio habe er ihren "musikalischen Horizont erweitert". So erlaubten sie sich nun E-, Western- und Dobro-Gitarre im noch rockigeren Django-Sound. "Und wir schreckten auch nicht davor zurück, ,Meine Asche' auf Radio zu trimmen." Auf Platte, so Starflinger, soll's angenehm klingen, live dann viel rauer, so wie die Bärtigen, Tätowierten von Anfang an loslegten: "Wir waren vogelwild, haben uns nix geschissen, sind teilweise sturzbetrunken auf die Bühne."

Im Flugzeug würde er mit der Einstellung bald crashen. Da checkt er vor dem Start akribisch jede Klappe, jedes Scharnier, jeden Schalter. Und so schaut er auch, dass die Band-Maschine läuft wie geschmiert. "Wir sind ja viele eigene Köpfe. Alle Ideen kommen zu mir, ich versuche dann zu lenken." Man kann auch sagen, er ist der Pilot von Django 3000. Er steuerte die Band auch durch die Turbulenzen mit dem Ur-Sänger Lorenz Schmid (heute Lenze und de Buam) und Fenzl, für den seit 2018 Korbinian Schuller Bass spielt.

Starflinger macht keine halbe Sachen. Er fliegt auch nicht nur zum Spaß, er will bald den Lehrerschein machen - "für die Rente". Um Flugstunden zu sammeln, nimmt er ein paar Mal die Woche Touristen mit über die Kampenwand oder nach Herrenchiemsee. So gastfreundlich ist der 38-Jährige auch in Musikerkreisen. Neulich rief sein Kumpel Keller Steff aus Übersee an, schlug vor, mal zusammen etwas zu machen. Gemeinsam haben sie - zusätzlich zu den vielen eigenen Auftritten wie der Album-Veröffentlichungs-Party auf dem Tollwood-Festival - eine Bierzelt-Tour ausbaldowert. Da schmeißen sie ihre Bands zusammen, mit ganz neuen Arrangements, ihr gemeinsamer Song "Häd Ois Do" ist auf dem Django-Album gelandet. "Ist zwar viel mehr Arbeit. Aber das war unsere Chance, mal mit Bläsern zu arbeiten", sagt Starflinger, "wenn wir uns schon connecten, dann machen wir's gescheit."

Bei der Landung wird's doch kurz kritisch. Ein Segelflieger kreist ausgerechnet in der Thermik über der Landebahn. "Ein Schönwetterpilot", ärgert sich Florian Starflinger. Er beobachtet, hält seinen Kurs und setzt sicher auf.

Django 3000 ; Support: Bukahara, Donnerstag, 4. Juli, 18.30 Uhr, Musik-Arena, Tollwood