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Konzert:Ein Punk namens Schubert

Als eine Art Geisterbeschwörer funktioniert der Schauspieler und Sänger Charly Hübner in der Séance zwischen Franz Schubert und Nick Cave. Begleitet wird er dabei von dem Hamburger Ensemble Resonanz.

(Foto: Jann Wilken)

Schauspieler Charly Hübner vereint in einer kunstvollen Séance mit Orchester die "Winterreise" mit der Musik von Nick Cave. Damit gastiert er nun erstmals in München

Leichte Themen werden hier nicht verhandelt: Ein zum Tode Verurteilter auf dem elektrischen Stuhl trifft auf einen latent lebensmüden Wanderer voller Liebeskummer. Der existenziellen Prägung wegen sind das aber auch faszinierende Grenzzustände des menschlichen Seins. Ein Musiker des 19. Jahrhunderts und einer des späten 20. Jahrhunderts haben daraus Kunst geschaffen: Nick Caves Song "Mercy Seat" und Franz Schuberts "Winterreise". Der Schauspieler Charly Hübner bringt die Musik der beiden nun gemeinsam mit dem Hamburger Ensemble Resonanz zusammen. "Die Winterreise als Tätergeschichte - eine Séance zwischen Nick Cave und Franz Schubert" heißt das Programm, das dabei herausgekommen ist. Seit etwa eineinhalb Jahren spielen sie es in verschiedenen Städten, eine CD-Aufnahme ist in Produktion, jetzt folgt im Münchner Prinzregententheater das erste Gastspiel in Süddeutschland.

Charly Hübner hat dieses Projekt angestoßen. Er rief beim Ensemble an und bot sich für eine Zusammenarbeit an. Nick Cave sei der erste gewesen, der ihm dafür einfiel, der Streicher wegen. Denn der australische Düsterchansonnier arbeitet in manchen Songs mit schweren Streichervorhängen. Der Urimpuls zu Schubert aber kam vom Orchester. Tobias Rempe, Geschäftsführer des Hamburger Ensembles, das als Hausensemble der Elbphilharmonie spielt, habe bei Hübners Anfrage an Schubert gedacht. Hübner wiederum habe nicht viel Schubert gekannt außer den Liedzyklus "Winterreise". Rempe fragte: "Kannst Du das singen?" Hübner sagte: "Mal gucken."

So lakonisch erzählt Charly Hübner das Zustandekommen dieses Projekts nach, dem rein inhaltlich aber sämtliche Lakonie ziemlich fern ist. Doch der Klassikwelt tut es bisweilen ganz gut, wenn sich solche Künstler ihrer Werke annehmen, die die Klassik nicht ganz so ernst nehmen. So wie Charly Hübner, der relativ unvoreingenommen den jungen Schubert mit Nick Cave vergleicht: "Das sind beides Songwriter. Schubert war zu seiner Zeit ein Punk", sagt er und führt aus, dass er die Schubertiaden durchaus als Subkultur-Veranstaltungen begreift. Ein Milieu, aus dem auch Nick Cave ursprünglich kommt. Also warum nicht die beiden Welten - Außenseiterdasein in zwei Jahrhunderten - zusammenbringen?

Hübner und der Komponist und Arrangeur Tobias Schwencke haben über ein Jahr lang an der konzeptuellen Verquickung der beiden gearbeitet. Letztlich kam eine Art Filmdramaturgie dabei heraus: "Die Winterreise ist so bindend, dass Cave da nur Gast sein kann", sagt Hübner. Neben "Mercy Seat" werden einige wenige Cave-Songs, etwa "Where The Wild Roses Grow" oder "Sweatheart Come", quasi als Rückblenden in die "Winterreise" eingeflochten. Dafür fallen ein paar Lieder der "Winterreise" raus, die laut Hübner zu viel Außensicht haben, wie etwa "Die Post". Es geht in dieser ganzen "Séance" mehr um innere Zustände.

Man merkt, wie sehr sich Charly Hübner mit der Materie auseinandergesetzt hat. Nick Cave, den mag er sowieso, "da fahre ich jetzt auch wieder zum Konzert", sagt er. Und Schubert, ja, über den und auch den Texter der "Winterreise" Wilhelm Müller habe er viel gelesen. Am ungewöhnlichsten an dem Projekt war für den Schauspieler Hübner aber die Zusammenarbeit mit einem klassischen Ensemble. "Vor allem die Logistik", sagt er, denn anders als am Theater oder beim Film sind die Probenzeiträume äußerst kurz angesetzt. Auch habe er zu Beginn eine Skepsis der Musiker gespürt wie ein Schauspieler denn diese doch nicht einfache Partitur singen will.

An der Oberfläche sind solche Experimente aber zunächst immer interessant, weil der etablierte klassische Komponist erst einmal von seinem Genie-Status heruntergeholt werden muss. Im Idealfall kann die dann neu aufgerollte Musik das Genie Schuberts neu zum Glänzen bringen, weil all die festgefahrene Tradition, in der Schubert im Konzertsaal für gewöhnlich als Genie betrachtet und interpretiert wird, wegfällt.

Doch ein schwieriger Punkt bei solchen Popannäherungen an die Klassik bleibt eben auch immer das Können. Es braucht eigentlich eine jahrelang geschulte Stimme, um diese Lieder singen zu können. Ein klassischer Liedsänger ist Charly Hübner aber mitnichten, und auch als Popsänger stecke er noch "in den Babyschuhen", wie er es ausdrückt. Doch er habe einige Gesangstunden genommen, erzählt er und greift sonst auf die Kunst zurück, die er beherrscht: das Schauspiel. In jeder Aufführung nähere er sich also dem idealen Mischverhältnis von Spiel und Gesang weiter an. Denn etwa der erste Ton im ersten Schubert-Lied ist schon mal tückisch: "Fremd bin ich eingezogen", beginnt "Gute Nacht", das "Fremd" sitzt auf dem zweigestrichenen F. "So ein Ton schauspielt sich leichter, als dass er sich singt", sagt Hübner. Und als Allgemeinrezept: "Die Arienhaftigkeit lässt der Popper eben weg."

Charly Hübner & Ensemble Resonanz, Sonntag, 23. Februar, 19 Uhr, Prinzregententheater, Prinzregentenpl. 12

© SZ vom 21.02.2020
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