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Konzert:Dunkle Wolken über Deutschland

Die Rostocker Punkband "Dritte Wahl" spielt auf ihrem neuen Album an gegen rechte Unmenschlichkeit und liefert eine Bestandsaufnahme der Gesellschaft. Mit ihrem Konzert im Backstage trotzen die Musiker der Pandemie

Von Christian Jooss-Bernau

Jetzt also hygienischer Sitz-Punk im Backstage. Hilft ja nichts. Das neue Album ist raus. "3D" heißt es, und wer die mitgelieferte 3-D-Brille aufsetzt, hat die Band auf dem Foto schon einmal plastisch vor sich. Aber live ist noch besser. Seit Ende der Achtzigerjahre macht die Dritte Wahl Punkrock. Sie haben sich gewöhnt an das Leben unterwegs zwischen Kiel und München. Mit den letzten beiden Alben haben sie es sogar in die Charts geschafft. Wohl, weil der Wind gerade mal wieder günstig für deutschen Punk stand. So genau kann den späten Karrierefrühling Sänger und Gitarrist Gunnar Schroeder nicht erklären. Seine Band hatte sich ganz gut eingerichtet in der Mittelschicht der deutschen Pop-Szene: Eigene Plattenfirma und auch die T-Shirts drucken sie selbst. Und jetzt: Corona. Schroeder ist auch schon über 50 und sieht die pragmatischen Seiten des Bandgeschäfts: "Für 300 Leute von Rostock nach München zu fahren, mit dem ganzen Tross, da kommt man schnell an seine Grenzen."

Auch wenn Schroeder und Keyboarder Holger H. mittlerweile in Münster leben, in Rostock hat alles begonnen. So um 1988, in den letzten Tagen der DDR. Offiziell durften sie damals gar nicht auftreten. Dafür hätten sie vor einer Kommission spielen müssen und die Texte einreichen. So blieben ihnen nur die kleinen Clubs, die die Zensur einfach unterflogen. Die Stasi hat sich dann aber doch nie bei ihnen gemeldet. Die hatten wohl damals schon andere Probleme, als noch eine Gruppe Jugendlicher zu schikanieren. Bis nach Schwerin haben sie es damals geschafft, das war's aber auch schon. Immerhin NDR 2 bekamen sie in Rostock rein. Einen Sender, auf dem schon mal die Toten Hosen liefen. Aber vernetzt mit dem Rest der DDR-Punkszene waren sie nicht. Wenn Schroeder erzählt, legt sich kein Weichzeichner über seine Worte. Die Dritte Wahl gibt es nicht ohne die deutsche Provinzrealität. Und aus der speist sich ihre eigene Stimme: "Elektro Merten gibt's nicht mehr / Leuchtreklame ohne Licht / Einzelhandel hat es schwer / wer macht wohl als Nächstes dicht?", singt Schroeder. Dass manche denken, solche Themen würden nicht danach schreien, zum Punk-Text zu werden, weiß er, aber es ist doch so: "Man darf heutzutage alles machen, was man will, auch als Punk-Band. Das ist ja eigentlich das, was Punk mal bedeuten sollte."

Dritte Wahl

Eine Band im Kornfeld: Gunnar Schroeder (Zweiter von links) hat mit der Band Dritte Wahlschon über 30 Jahre bundesdeutsche Realität begleitet.

(Foto: Robert Eikelpoth)

Entstanden sind die Songs in den letzten zwei Jahren vor Corona. Die Aufnahmen im Studio in Mecklenburg haben sich wegen des Lockdowns etwas verzögert. In der Gesamtschau ist es ein Kaleidoskop deutscher Befindlichkeit geworden. Mit ein bisschen Liebe im Titelsong und etwas Eskapismusträumerei in "Zur See". Die kann man nachvollziehen, denn Deutschland 2020 hat seine finsteren Seiten. Fast 30 Jahre ist es her, aber die Erinnerung an die rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen haben Schroeder eingeholt. "Brennt alles nieder" ist ein Song, in dem sich der Flammenschein widerspiegelt: "Wir sind das Volk und fegen alles andre fort / Und die da drinnen sind halt heut am falschen Ort". Man habe sich eine Zeit einlullen lassen, mit Gorbatschow und allen, sagt Schroeder: "Da dachte man, die Welt wird besser. Aber die letzten zehn Jahre sind total schrecklich. Alles geht vor die Hunde - hat man das Gefühl."

Natürlich, auch auf ihrer Facebookseite haben es die rechten Pöbler schon versucht. Schroeder ist da norddeutsch unaufgeregt und hat solche Posts einfach gelöscht: "Ich lass mich auch nicht auf Diskussionen ein, weil es bringt einfach nix." Er hat auch keine Lust, Menschen zu belehren. Parolen findet man auf dem Album keine. Keine Handlungsanleitung. Die Dritte Wahl macht Bestandsaufnahme. Sie spüren abends halb zehn in Deutschland die Einsamkeit hinter den Fenstern und sehen all die Tyrannen und Egomanen als "fabelhafte Voraussetzung für 'ne beschissene Situation". Auch wenn Schroeder nicht pauschal jedem Corona-Demonstranten rechte Gesinnung vorwerfen will, auch wenn Agitation nicht seins ist, eine ganz grundsätzliche moralische Orientierung hat er genauso wie die Sehnsucht nach der guten, alten, menschlichen Zeit. Weil er schlau ist, kann er über seine retroromantische Ader lachen. Aber weil diese Sehnsucht viele teilen, darf der Sound der Platte in der Vergangenheit stöbern. Und Schroeder spielt dann und wann ein Rockgitarrensolo, eines, bei dem Punkpuristen übel wird und Metalheads die Faust recken. Und einmal, da darf sogar das Schlagzeug über einen Flanger laufen, einen lange nicht mehr gehörten Effekt analoger, kosmischer Coolness.

Punk 2020, das ist Punk mit staatlicher Unterstützung. Soforthilfe haben die Bandmitglieder in Anspruch genommen. "Ich will nicht meckern", sagt Schroeder, "ist halt für alle schwierig." Fragt man nach, vermisst er schon das Interesse daran, dass die ganze Branche überlebt. Aber eine Band, die die DDR überstanden hat, wird wohl auch ein Virus schaffen. In einem Jahr, hofft er, sitzt man dann zusammen und erinnert sich: "Mensch, weißt du noch, was das für eine Scheiße war?"

Dritte Wahl, Donnerstag, 17. September, 20 Uhr, Backstage (Biergarten)

© SZ vom 17.09.2020

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