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Kontakt zum Meer:"Wir steuern wohl auf ein weiteres Massensterben zu."

Korallen sind sensible Tiere, sie reagieren empfindlich auf die Verschmutzung der Meere, den zunehmenden Schiffsverkehr, den Tourismus, die Überfischung und Überdüngung der Meere, den Klimawandel. "Es gab in der Evolution immer Veränderungen, aber meist viel langsamer als heute", sagt Wörheide nüchtern, und: "Wir steuern wohl auf ein weiteres Massensterben zu".

Gert Wörheide im Südpazifik: Das Tauchen ist seine Leidenschaft. Alles, was tiefer als rund 30 Meter liegt, muss aber ein Roboter erkunden.

(Foto: privat)

Andererseits können sich die Larven der Korallen mit der Strömung treiben lassen und neue Kolonien an ganz anderen Orten errichten. Inwieweit sie in der Lage sind, sich an neue Lebensbedingungen anzupassen, wollen Forscher weltweit und auch die Münchner herausfinden. Das Osprey Reef jedenfalls, davon gehen sie aus, hat alle durch Eiszeiten hervorgerufenen Meeresspiegelschwankungen überstanden und ist seit mehr als 40 Millionen Jahren von Wasser bedeckt. Um die einzigartige Tierwelt zu bewahren, wollen die Forscher nun darauf drängen, dass mehr Meeresschutzgebiete ausgewiesen werden - noch rechtzeitig, bevor die Suche nach Öl und Gasfeldern weitere Wunden aufreißt.

Wörheide steht im roten Pullover im Labor seines Lehrstuhls für Paläontologie und Geobiologie an der LMU. Überall blubbert es. Meterlange Rohrsysteme leiten künstliches Meerwasser in die Zuchtbecken, ständig werden Temperatur, Salz- und Nährstoffgehalt überprüft. Schwülwarm ist es hier, mitten im Winter. Ein Mitarbeiter füttert einen munteren sonnengelben Doktorfisch, der sich schnell versteckt, sobald sich ein Besucher nähert. Das kleine Aquarium ist Experimentierbecken für den riesigen Ozean. Indem die Forscher die molekular-genetischen Informationen der Meeresbewohner analysieren, hoffen sie, die Geheimnisse ihrer Evolution zu lüften, sagt Wörheide.

Viele bedeutende Korallenriffe hat der Meeresforscher schon erkundet, in der Karibik, im Indischen Ozean, im Roten Meer, in der Südsee. Er ist mit Haien getaucht und ist in Unterwasserhöhlen eingedrungen. "Ohne Kontakt zum Meer leben, das kann ich mir eigentlich nicht mehr vorstellen", sagt der Professor. Dabei ist er in Westfalen aufgewachsen, weit ab von der Küste. Vulkanologe wollte er werden, bis ihn ein Freund eines Tages zum Tauchen ans Rote Meer einlud. "Da wusste ich sofort, was meine Berufung ist", erzählt er im trockenen westfälischen Tonfall.

Seine Diplomarbeit in Paläontologie an der Freien Universität Berlin schrieb er dann über Seeigel im Mittelmeer, und schon die Doktorarbeit in Göttingen - es ging um das Leben des Astrosclera willeyana, eines Schwammes aus Riffhöhlen, kaum größer als ein Champignon - führte ihn ins Great Barrier Reef.

Seither war er viele Male in Australien. Vier Jahre verbrachte er am Zentrum für Biodiversität des Queensland Museums in Brisbane, mit der ganzen Familie. Auch seine Frau ist Taucherin, das traf sich gut. 2008 übernahm er dann den Lehrstuhl an der LMU. Eine bayerische Uni vermutet man nicht als Kompetenzzentrum für Meeresforschung. Doch die molekulare Forschung am GeoBio-Center, dessen Sprecher Wörheide ist, machen eben nicht viele Universitäten. Es wäre schön, wenn die Besucher des Paläontologischen Museums, in dem Wörheide sein Büro hat, mehr von dieser spannenden Forschung miterleben könnten. Denn der Geobiologe ist auch Direktor der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie und damit des Museums. Das liegt ein wenig versteckt in der Richard-Wagner-Straße hinterm Lenbachhaus - und bedarf dringend einer Renovierung. Im Lichthof begrüßt den Professor jeden Morgen das riesige Skelett des Mühldorfer Urelefanten. Auf dem Weg zu seinem Büro durchschreitet man dann zig Millionen Jahre Erdgeschichte, in Form von Muscheln, Schnecken und Saurierknochen, die seit Jahren in Vitrinen schlummern.

Mindestens einmal im Jahr zieht es Wörheide aber hinaus, zu einer Riffexkursion mit seinen Studenten. Und wenn ihm dann später einer der jungen Leute sagt: "Diese Reise hat mein Leben verändert", macht ihn das glücklich. Denn die Komplexität des Daseins, sagt der Professor, wird einem nirgends so bewusst wie beim Tauchen im Ozean. Die Schwerelosigkeit, die Stille, die Grenzenlosigkeit - da beginnt der groß gewachsene Westfale beinahe zu schwärmen. "Dieses Gefühl der Weite ist einzigartig", sagt er, "und zugleich weiß man, wie zerbrechlich das Ökosystem tief unter einem ist."

© SZ vom 25.02.2016
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