Über Tat und Täter herrscht auf Anhieb Klarheit in „Achtsam morden“, Bernd Schmidts Bühnenadaption von Karsten Dusses gleichnamigem Erfolgsroman, der bereits auf Netflix in Serie gegangen ist: Als Gelegenheitsmörder mit Kettensäge präsentiert sich Theaterchef René Heinersdorff auf der Bühne in der Komödie im Bayerischen Hof. Dort geht es fortan also nicht um die Antwort auf die Frage „Whodunit“, sondern darum, wie dieser bieder-bemühte und dauerüberforderte Rechtsanwalt Björn Diemel zum Mörder und damit zur neuen Größe in der Unterwelt wird.
Während Heinersdorff sich aus seinem blutbespritzten Overall schält, schildert er hin- und herspringend zwischen Erzählung und Darstellung in der ihm eigenen präzisen Eloquenz seine Zwangslage: Einerseits drängt ihn seine Ehefrau, mithilfe eines Achtsamkeitsseminars seine Work-Life-Balance zu optimieren, sich endlich mehr Zeit als Ehemann und Vater zu nehmen. Doch seine eigenen „Zeitinseln“ zu bewahren, wie ihm der Coach (Miguel Abrantes Ostrowski) rät, ist andererseits schwierig, wenn er den Ansprüchen des Mafiabosses Dragan (wiederum Ostrowski) gerecht werden will. Schließlich ist dieser der lukrativste Klient der Kanzlei.
Weswegen nicht nur die Kollegen Diemel meiden, sondern auch eine Kindergarteneinrichtung ihm und seiner Frau lieber keinen Platz für ihre Tochter zur Verfügung stellen will. Und dann macht sein Mafia-Mandant auch noch all seine Schlichtungsbemühungen mit einer Explosion auf der Autobahn zunichte.
„Einatmen, Ausatmen, Loslassen“ – Diemel beginnt die neu erlernten Achtsamkeitsregeln umzusetzen, wenn auch anders als erwartet: Er entledigt sich des Mafiabosses. Von da an ist sein Aufstieg in der Unterwelt nicht mehr aufzuhalten. Bemerkenswert ist die minuten-, ja sekundenschnelle Wandlungsfähigkeit, die Heinersdorffs Bühnen-Mitstreiter Yael Hahn und Ostrowski beweisen, wenn sie in der clever-einfallsreichen Regie von Pascal Breuer durch ihren Rollen-Reigen rotieren: Da sind, um nur die wichtigsten zu nennen, der Mafiaboss und sein Konkurrent, deren „Officer“, ein Fahrer, eine Prostituierte, der Coach, ein Kindergartenkind, Diemels Frau und Tochter und dazu eine Ermittlerin von der Mordkommission.
Diese toughe Petra Begmann ist Diemel zwar auf den Fersen, sucht kurioserweise aber ebenfalls einen Kindergartenplatz. Woraufhin ihr der neue Drahtzieher in der Unterwelt eine Lösung offeriert, die allen Beteiligten weiterhilft. Hier wie auch sonst in dem Stück verschwimmen die Grenzen zwischen moralischem Handeln und pragmatischem Durchgreifen ständig und aufs Vergnüglichste. Wie stellt Diemel so schön achtsam fest, als er einen dicken Batzen Geld in dem Sakko des von ihm getöteten Mafiabosses entdeckt und für sich behält: „Für dieses Geld haben Prostituierte und Drogenhändler ehrlich und hart gearbeitet!“ Und deren Leistung verdient immerhin auch Respekt.
Heinersdorff bringt mit dieser Krimi-Komödie nach der kirchenkritischen Farce „Der Kardinalfehler“ einmal mehr ein Stück auf die Boulevardbühne, das ganz ohne Liebesverwicklungen und Eifersuchtsszenen auskommt. Und trotzdem einen Mordsspaß macht.
Achtsam Morden, bis 19. Oktober, Komödie im Bayerischen Hof


