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OB-Stichwahl in München:Wie werbe ich für einen Kandidaten - ohne Kandidat?

OB-Kandidatencheck des KJR in München, 2020

In den vergangenen Wochen trafen Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und die CSU-Kandidatin Kristina Frank bei vielen Diskussionsrunden aufeinander - vor der entscheidenden Stichwahl am 29. März wird der Wahlkampf nun aber drastisch zurückgefahren.

(Foto: Stephan Rumpf)

Vor diesem Problem steht die SPD. Denn Oberbürgermeister Reiter hat wohl wegen der Corona-Krise keine Zeit für Wahlkampf. Seine Herausforderin Kristina Frank konzentriert sich aufs Internet.

Von Heiner Effern und Dominik Hutter

Ein paar Augenblicke Freude waren dann doch noch drin am Abend und in der Nacht am Wahlsonntag, trotz Erschöpfung und Corona-Alarm. Als Kristina Frank am Telefon am Montagnachmittag kurz darüber berichtet, laufen bereits die Vorbereitungen für den Stichwahlkampf, am Abend trifft sich das Team schon wieder zur Besprechung.

Die neuen Plakate mit ihrem Konterfei sind schon auf den Ständern, doch das dürfte schon fast alles sein, was in diesen 14 Tagen läuft wie immer. Das übliche klassische Kräftemessen zweier Kandidaten, das "immer höher, immer weiter, immer besser" werde jedenfalls auf ihrer Seite ausfallen, sagt Frank. Corona wird den Wahlkampf dominieren, danach gelte es sich auszurichten.

In solch einer Notsituation - möglicherweise drohe die schlimmste nach dem Zweiten Weltkrieg, meint Frank - müsse Verantwortung und Augenmaß den Wahlkampf prägen. Es werde von ihrer Seite keine persönlichen Angriffe geben, dafür sei jetzt nicht die Zeit. Auch wenn sie die Stichwahl verliere, werde sie als Kommunalreferentin der Stadtregierung angehören, die für die Münchner diese schwierigen Zeiten bewältigen müsse.

Das soll aber nicht heißen, dass sie vorher aufgibt, trotz des riesigen Rückstands. "Ich bin eine Kämpferin, schon immer gewesen, und auch jetzt." Nur die Art des Kämpfens soll eine andere sein. Es wird ein Werben um Vertrauen sein, diese Krise zu bewältigen. Und das wird mit völlig anderen Mitteln ablaufen, als man es bisher von einer Stichwahl gewohnt war.

Die CSU wird auf Veranstaltungen, Infostände und Haustürbesuche komplett verzichten. Außer den Plakaten prüft sie die Option, analog nochmals mit Flyern an die Briefkästen zu gehen. Der Rest soll digital laufen, und Frank sieht sich und ihre Partei dafür gerüstet. "Wir haben den Wahlkampf bisher schon sehr stark online geführt." Ein erheblicher Teil der finanziellen und personellen Schlagkraft stecke da schon drin. "Daraus können wir nun schöpfen."

Frank wird auf den Plattformen Facebook, Instagram und Youtube präsent sein, aber auch auf Linkedin und Xing. Dazu will sie auch schon bestehende Formate wie den sogenannten Bike-Talk nutzen, das sind Videos, in denen sie sich mit einem Interview-Gast auf einer Rad-Rikscha unterhält. Aber Frank will auch interaktiv unterwegs sein, sich mit Wählern austauschen und Fragen beantworten. "Wenn viele zu Hause sind oder von zu Hause arbeiten, sind auch viele im Netz unterwegs", hofft Frank. Auch für ältere Zielgruppen habe sie ein passendes Format, wie schon vor dem ersten Wahlgang sei ein Senioren-Mailing geplant.

Die SPD hat eine Spezialaufgabe

Die konkurrierende SPD steht in den kommenden zwei Wochen vor einer Spezialaufgabe: Wie werbe ich für einen Kandidaten - ohne den Kandidaten? Denn Dieter Reiter, der sein Amt als Oberbürgermeister gerne noch weitere sechs Jahre ausüben würde, steht aller Voraussicht nach für Wahlkampf nicht zur Verfügung. Der SPD-Politiker eilt derzeit in Sachen Coronavirus von Krisengespräch zu Krisengespräch und hat nicht vor, sich wegen Werbung in eigener Sache entschuldigen zu lassen.

Die Sozialdemokraten werden also wohl ohne ihn auskommen müssen in der entscheidenden Phase bis zur Stichwahl. Aus Sicht der SPD bietet der Reitersche Dauerstress freilich auch Chancen. Könne man doch zeigen, was die Münchner an Dieter Reiter haben, sagt der stellvertretende Münchner SPD-Vorsitzende Roland Fischer.

Eine Rückkehr zum konventionellen Wahlkampf mit Besuchen an der Haustür, Infostände und Verteilaktionen an U-Bahn-Aufgängen wird es angesichts der Infektionsgefahr ebenfalls nicht geben. Die Münchner SPD-Spitze hat sich am Montag getroffen, um über den weiteren Ablauf des Wahlkampfs zu beraten. Fischer geht davon aus, dass sich die Sozialdemokraten auf klassische Plakate konzentrieren, draußen herumlaufen und auf Stellwände gucken ist ja schließlich weiterhin möglich. "Das gehört nach wie vor zum Wahlkampf zwingend dazu", sagt Fischer.

Wie die CSU setzt aber auch die SPD auf Wahlwerbung mit digitalen Mitteln. Facebook, Twitter, Instagram und die klassische SPD-Webseite werden genutzt, um die Botschaften ans Wahlvolk zu bringen. Fischer macht sich allerdings keine Illusionen darüber, dass dies den vertrauten Analog-Wahlkampf ersetzen kann. Nach wie vor seien viele Menschen auf diesem Weg gar nicht erreichbar. Das Internet kann daher stets nur eine Ergänzung sein.

Politische Differenzen mit der CSU sieht die SPD inzwischen zuhauf - obwohl es sich ja um den Partner aus einem sechsjährigen Bündnis handelt, das zumindest in SPD-Kreisen im Großen und Ganzen als durchaus erfolgreich gilt. Aber vor allem die Debatten um die Verkehrswende, also das Zurückdrängen des Autos zugunsten von Fahrrad und öffentlichem Nahverkehr, haben schon bisher im Wahlkampf eine große Rolle gespielt. Dazu kommt das Thema Mieten und Stadtentwicklung.

Reiter selbst geht davon aus, dass es vor allem wichtig ist, die Münchner zum Kreuzerlmachen zu bringen. Motto: Wer am 15. März Reiter gewählt hat, tut dies vermutlich wieder - wenn er denn einen Stimmzettel ausfüllt und nicht denkt, es sei ohnehin schon alles gelaufen. Inhaltlich sei das meiste vermutlich gesagt, so Reiter. Jetzt gehe es darum, die Wähler aus dem ersten Wahlgang erneut zu mobilisieren.

© SZ vom 17.03.2020/infu
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