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Stimmen aus dem Publikum:"Da haben wir richtige Demokraten gehört"

Der Sall ist voll, das Interesse groß: Wer wird Münchens nächster Oberbürgermeister oder eben Oberbürgermeisterin?

(Foto: Robert Haas)

Natürlich hat jeder Diskutant seine Sympathisanten im Publikum. Doch der Beifall ist ein schlechter Gradmesser an diesem Vormittag, denn die Besucher loben die sachliche Debatte.

Es ist in mancher Hinsicht ein bemerkenswerter Vormittag im Residenztheater. Der geht schon damit los, dass vor dem Einlass zur Diskussion am Sonntag Hunderte Gäste an den Türen zum Parkett warten, um einen möglichst guten Platz zu bekommen. Den Oberbürgermeister-Kandidaten zuhören kann man natürlich von allen Plätzen, aber bei so einer Diskussion ist es ja immer auch ein bisschen wie bei einer Aufführung: Dem Schauspieler oder Dirigenten direkt zusehen zu können, macht Musik und Theater besonders lebendig. Je näher dran man sitzt, desto mehr glaubt man verstehen und erkennen zu können. Und im Fall der Diskussion der drei Kandidaten herrscht vielleicht die Hoffnung, dem Menschen hinter der Meinung und den Parteipositionen etwas näher zu kommen.

Manch einer ohne Karte wird noch im Oberrang platziert, die Angehörigen der Kandidaten in der ersten Reihe, dann kommen die Kandidaten auf die Bühne.

Man könnte meinen, dass nun die bekannten Vorstellungen oben ausgetauscht werden und unten im Publikum die Applaudeure jeweils gemäß ihrer politischen Vorliebe klatschen. Das ist allerdings nicht der Fall. Im Laufe der Diskussion zwischen Oberbürgermeister Dieter Reiter, Katrin Habenschaden von den Grünen und Kristina Frank von der CSU bekommen alle Beifall, und das im Prinzip auch von allen im Saal.

Eineinhalb Stunden später steht Susanne Breit-Keßler, die frühere evangelische Regionalbischöfin, im Foyer und sagt: "Es gab immer dann Applaus, wenn der Sachvortrag adäquat war." Sie habe ganz klar wechselnde Zustimmung im Publikum bemerkt. "Aber natürlich war dazwischen auch immer mal wieder der ein oder andere Tendenzapplaus." Als Beispiel nennt Breit-Keßler den ständigen Beifall eines CSU-Sympathisanten für Kristina Frank. Aber der sei eben selten gewesen. Überhaupt habe man ungeheuer sachlich und fair diskutiert.

Darüber ist auch Charlotte Knobloch froh, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern: "Da haben wir richtige Demokraten gehört." Das bestärke ihre Hoffnung, dass "auch die nächsten sechs Jahre München eine friedliche und glänzende Weltstadt mit Herz" bleiben möge, egal wer die Wahl gewinnt. Wobei sie ihre Sympathie für den Amtsinhaber ausdrückt, ohne ihn zu nennen. "Es gab einen, der am meisten Applaus bekommen hat." Als einzigen Mann kann sie nur Reiter meinen, "aber die anderen haben es auch hervorragend gemacht, dazu waren die Fragen gut, genau und auf eine angenehme Münchner Art".

Knobloch wird von Reiter beim Thema Hochhäuser einmal namentlich erwähnt, er erzählt, wie sie sich bei einem Treffen einmal über dreistöckige neue Gebäude wunderte, es müsse doch höher gebaut werden. "Ich sehe eine Notwendigkeit für Hochhäuser", sagt sie. Da sind sich wahrscheinlich die meisten einig, nicht nur auf dem Podium, wobei Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD) beim Empfang im Foyer sagt, dass ihr dieses Thema zu intensiv besprochen wurde. Neben Verkehr, Wohnen und Klima hätte sie noch Soziales und Bildung interessiert.

Strobl, selbstverständlich in Rot gekleidet, sieht am Ende wenig überraschend ihren Parteifreund Reiter vorne, hat aber auch einen "sehr positiven Eindruck" der Grünen-Spitzenkandidatin mitgenommen. Ein paar Schritte weiter steht Dietmar Holzapfel, Wirt des Hotels Deutsche Eiche, in einer relativ aussagekräftigen Kluft: grüne Hose, roter Pullover. "Ich fand das Gespräch sehr flüssig, interessant vor allem die Erkenntnis, dass bei Baukosten der Anteil der Grundstückskosten bei 70 Prozent liegt." Für eine praktikable Baupolitik sei am ehesten Rot-Grün geeignet, findet er, aber Franks Vorschlag, die Referate untereinander besser zu koordinieren, hält er auch für sehr gut und wichtig.

Die Diskussion über die Diskussion zieht sich am Mittag durch das Foyer bis in den ersten Stock, wo bei Sekt und mit Blick auf den Max-Joseph-Platz teilweise vehement gestritten wird. Gerda Peter, Geschäftsführerin der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GWG, lobt die Gesprächsthemen auf dem Podium, es sind ihre. Schließlich müsse man das Bauen und Wohnen immer im Kontext mit der Entwicklung des Verkehrs und dem Klimaschutz sehen. Und für Wolfgang Fischer von City-Partner, der Initiative der Münchner Innenstadt-Unternehmer, war die Veranstaltung "hochinteressant".

Es zeige die Bedeutung der Wahl am 15. März, "zu der alle drei aufgerufen haben, was mir sehr gut gefallen hat". Während Michael Mattar von der FDP-Stadtratsfraktion noch analysiert, sind einige Vertreter der Jungen Union schon auf dem Heimweg, natürlich nicht ohne ein postbares Gruppenfoto vor den ausgestellten Porträtfotos der Kandidaten. Reiter und Habenschaden werden dafür auch nur leicht zur Seite gerückt. Für Mattar war es eine "sehr sachliche Diskussion", die manchmal etwas zu sehr an der Oberfläche geblieben sei und in die Vergangenheit gerichtet und nicht nach vorne, wo es dann auch um die Finanzplanung der kommenden Jahre mit der wohl kommenden Neuverschuldung von bis zu fünf Milliarden Euro gehen müsse.

Die Kandidaten finden sich etwas später auch noch im Foyer ein. Es bilden sich kleinere Familiengrüppchen. Reiters Frau ist da, Franks Mann, aber auch Habenschadens Mann und ihre Mutter. Bei einem Glas Sekt bekommen dann die drei Kandidaten das ganz ungefiltert objektive - oder subjektive - Zeugnis für ihren Auftritt.

© SZ vom 03.02.2020/infu
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