Grünen-Kandidatin für München:"Dieser Blick täte der Stadt gut"

Katrin Habenschaden, OB-Kandidatin der Grünen

Von Haustür zu Haustür: Katrin Habenschaden auf Wahlkampftour in Giesing. "Es sind knackige Tage", sagt die Kandidatin über ihren vollen Terminkalender.

(Foto: Florian Peljak)

Eine weiblich besetzte Spitze würde München verändern, findet Katrin Habenschaden. Die OB-Kandidatin der Grünen hat großen Spaß am anstrengenden Wahlkampf - und wundert sich über manche Kommentare.

Von Anna Hoben

Es wohnen viele politische Welten in einem einzigen Häuserblock. "Ich glaube, das ist eine gute Partei", sagt ein Bewohner hinter einer der ersten Türen, die an diesem Abend in Untergiesing geöffnet werden; das Infomaterial nimmt er gern. Im Nachbareingang steht ein Senior im Bademantel, das Gespräch beendet er - "Ich hab' Besuch" -, bevor es angefangen hat. "Wir sind selber grün", erklärt eine junge Frau im obersten Stockwerk. Und ein schwerhöriger Rentner macht, als er beim dritten Anlauf verstanden hat, wer da vor ihm steht ("Wir kommen von den Grüüünen"), folgende Ansage: "Wenn jemand gewählt wird, dann die AfD".

Vom Agilolfingerplatz aus sind die Wahlkämpfer ausgeschwärmt, Katrin Habenschaden hat sich mit dem Stadtrat Sebastian Weisenburger auf den Weg gemacht, er wohnt im Viertel. Mehr als 40 Prozent haben die Grünen bei der Landtagswahl in diesen Straßen geholt - der Haustürwahlkampf sollte hier knapp zwei Wochen vor der Kommunalwahl ein Heimspiel ein. Aus früheren Jahren sind Habenschaden vor allem die Schnapseinladungen im Gedächtnis geblieben. Dass jemand zu Hochprozentigem ins Wohnzimmer bittet, passiert an diesem Abend nicht. Sie hätte freilich ohnehin keine Zeit dafür, es warten ja viele weitere Türen. Und noch etwas ist für Habenschaden anders als bei früheren Wahlen - der Satz, mit dem sie sich vorstellt: "Ich bin die OB-Kandidatin der Grünen."

Eine Stunde vorher hat sie im Wirtshaus Giesinger Garten gesessen und erklärt, warum sie die erste Oberbürgermeisterin von München werden will. Es sei sechs Jahre lang viel zu wenig vorangegangen bei den großen Zukunftsthemen wie Klimaschutz und Verkehr. "Die Stadt muss aktiv gestaltet werden und nicht nur verwaltet." Amtsinhaber Dieter Reiter macht sie den Vorwurf, das versäumt zu haben. Sie war gerade in Kopenhagen, ein Tag hin mit dem Zug, ein Tag in der Stadt, ein Tag zurück. Was sie mitbringt aus der Stadt, die zehn Jahre eher als München klimaneutral sein will, in der die Busse im Zwei-Minuten-Takt fahren, die meisten Bewohner sich aber ohnehin per Fahrrad fortbewegen? Vor allem war sie beeindruckt, wie konkret die Schritte sind, die Kopenhagen zum Erreichen seiner Ziele beschlossen hat.

Katrin Habenschaden trinkt Tee und bewundert die Größe der Schnitzel, die die Kellnerin im Giesinger Garten vorbei trägt. Sie selbst isst kein Fleisch und selten Fisch - nicht weil sie bei den Grünen ist, sondern weil sie es nicht mag, schon als Kind nicht mochte. Die Kandidatin schlägt ein Büchlein auf, sie hat gern eine handgeschriebene Wochenübersicht ihrer Termine vor Augen. Ein typischer Tag beginnt zurzeit etwa morgens um sieben mit einer Flyer-Aktion an der S-Bahn in Pasing, es folgt ein Interview zusammen mit Belit Onay, dem neuen grünen Oberbürgermeister von Hannover; später besucht sie ein Start-up, dann eine Podiumsdiskussion im Studentenwohnheim, selbstverständlich gibt es auch einen Abendtermin. "Es sind knackige Tage", sagt Katrin Habenschaden, "aber es macht mir auch großen Spaß."

In Nürnberg ist sie geboren und aufgewachsen, in einem politischen Elternhaus, das "nicht explizit grün" war, naturverbunden aber schon. Sie waren viel draußen, beim Camping und in den Bergen. Mit neun Jahren habe sie zum ersten Mal gemerkt, dass die Natur, die sie liebt, keine Selbstverständlichkeit sei. Die Atomkatastrophe von Tschernobyl hatte ihre Eltern in Angst versetzt, es war die Zeit, als Kinder plötzlich nicht mehr im Wald spielen durften. Später besuchte sie ein "sehr politisches Gymnasium", war Klassensprecherin, ging zum ersten Mal demonstrieren, als ihre Schule geschlossen werden sollte. In Nürnberg lernte sie Bankkauffrau und studierte begleitend Betriebswirtschaftslehre. Vom "klassischen Neoliberalismus" sei das Studium damals geprägt gewesen, Nachhaltigkeit spielte überhaupt keine Rolle. Mit Mitte 20 zog sie nach München und fing bei der Stadtsparkasse im Kreditbereich an, finanzierte Unternehmen, "von der Falafelbude bis zu Wiesnwirten".

Ökologie und Ökonomie zusammenbringen, das ist das Leitmotiv für ihr politisches Engagement. Nach der Geburt ihrer Tochter 2009 trat sie bei den Grünen ein, engagierte sich im Ortsverband und begann sich mit Wirtschaftspolitik auf Landesebene zu beschäftigen. 2014 zog sie in den Stadtrat ein, obwohl sie auf dem "Wackelplatz 9" gestanden hatte. Sie kümmerte sich um Finanzen, Haushalt und Wirtschaft - so jemand hatte der Fraktion gefehlt -, eignete sich aber rasch auch weitere Themen an: Stadtplanung, Wachstum, Verkehr.

Die Grünen wirkten zu Beginn der Wahlperiode innerlich zerrissen, nachdem die Koalition mit der SPD zerbrochen war. Als Neuling im Stadtrat war Katrin Habenschaden davon jedoch nicht belastet. Mit ihren Schwerpunkten, aber auch mit ihrem offenen Wesen verschaffte sie sich schnell Anerkennung und Sympathie über Fraktionsgrenzen hinweg. In ihrer Fraktion legte sie einen steilen Aufstieg hin, wurde 2016 Vize und 2018 Vorsitzende. In der OB-Kandidatenfrage kam früh ihr Co-Vorsitzender Florian Roth auf sie zu.

In München hat Habenschaden auch ihren Mann Björn kennengelernt, er arbeitet in der Marktforschung. Mit ihren beiden Kindern, einem Jungen, 14, und einem elfjährigen Mädchen, leben sie in Aubing. Die Betreuung haben sie von Anfang an paritätisch aufgeteilt. Weshalb sowohl sie als auch ihr Mann mehr als erstaunt sind darüber, wie er gerade von manchen Seiten bemitleidet wird. "Da macht ihr aber was mit, oder?", hören sie oft. Umgekehrt habe es beim politischen Gegner zu ihrer Kandidatur geheißen: War ja klar, dass die Grünen eine Frau aufstellen müssen. Dass das kam "wie angeknipst", habe sie schon gestört, sagt Katrin Habenschaden Ende Februar bei einer Veranstaltung der Grünen. "Antifeminismus und kritische Männlichkeit" heißt das Thema, etwa 60 Leute sind in den Raum der Münchner Aids-Hilfe gekommen, davon ein Dutzend Männer.

Der Blick auf die Stadt ändere sich, wenn die Spitze weiblich besetzt ist, sagt Katrin Habenschaden, "und dieser Blick täte der Stadt gut". Bei manchen Debatten im Stadtrat, etwa zur Familienpolitik, frage sie sich: "In welchem Jahrzehnt befinden wir uns?" Es brauche sehr viel mehr Engagement beim Thema Gleichstellung auf kommunaler Ebene. Ein Beispiel: das sogenannte Gender Budgeting, die geschlechtergerechte Ausgabe von Geldern. "Schon vor Jahren beschlossen, wird aber trotzdem nicht umgesetzt." Ein Grund für ihre Kandidatur, so erzählt sie an diesem Abend, war auch, dass sie ein Vorbild sein wolle. Und die Rückmeldungen von Frauen zeigten ihr: "Das ist gelungen, ganz unabhängig davon, wie es ausgeht."

Ein paar Wochen zuvor, Anfang Februar, im Haus der Bayerischen Wirtschaft. Eine Vereinigung von Immobilienleuten aus verschiedenen Bereichen - Anwälte, Bauträger, Begutachter, Architekten - hat eingeladen, um mit der OB-Kandidatin über den Immobilienmarkt zu sprechen. "Vielleicht muss der eine oder andere jetzt ganz stark sein", so leitet Katrin Habenschaden ihre Rede ein. Sie meint: was eventuell vorhandene Vorurteile über die Grünen angeht. "Wirtschaft und grün geht gut zusammen", versichert sie und attestiert sich eine "hohe Empathie fürs Unternehmertum". Allerdings wolle sie "nicht nur ein gutes wirtschaftliches Klima, sondern auch eine Wirtschaft, die gut ist fürs Klima".

Die Grünen wollen die ganze Stadt zum Erhaltungssatzungsgebiet machen, in dem Mieter besonderen Schutz genießen. "Da schmerzt mein Immobilienherz", sagt der Moderator, die Kandidatin beschwichtigt: Rechtlich gehe das ohnehin nicht. Hand und Fuß habe ihr Auftritt gehabt, sagen die Teilnehmer hinterher anerkennend. Es zeigt sich zweierlei in dieser Umgebung, die nicht gerade ein natürliches Habitat für eine Grünen-Politikerin ist: Katrin Habenschaden kann gut mit den verschiedensten Menschen. Und das Bild von ihrer Partei hat sich stark gewandelt.

Was das für die Zukunft im Rathaus bedeutet, wird sich am 15. März zeigen. Katrin Habenschaden wird wählen gehen und mal wieder ausgiebig mit der Familie brunchen, die Kinder haben sich das gewünscht. Luft schnappen in der Aubinger Lohe, dann auf das Ergebnis warten. Falls sie in die Stichwahl kommt - "dann kriegt das nochmals eine andere Dynamik".

© SZ vom 06.03.2020/infu
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