OB-Kandidat der Freien Wähler:Der Unbekannte

OB-Kandidat der Freien Wähler: Hans-Peter Mehling tritt bei der Kommunalwahl als Spitzenkandidat für die Freien Wähler an. Er weiß, dass er wohl kaum Oberbürgermeister werden kann - aber darum geht es ihm auch gar nicht.

Hans-Peter Mehling tritt bei der Kommunalwahl als Spitzenkandidat für die Freien Wähler an. Er weiß, dass er wohl kaum Oberbürgermeister werden kann - aber darum geht es ihm auch gar nicht.

(Foto: Robert Haas)

Sein Name sagt nur wenigen Münchnern etwas, das weiß Hans-Peter Mehling. Nun tritt er als OB-Kandidat für die Freien Wähler an. Demokratie hat für den früheren Offizier auch mit Disziplin zu tun.

Von Ana Maria Michel

Der Unbekannte, wie er sich selbst nennt, sitzt auf einem Barhocker und wippt zur Herzblatt-Musik, rechts von ihm Katrin Habenschaden von den Grünen, links Kristina Frank von der CSU, vor ihm das Publikum. Er selbst darf sich als letzter vorstellen: Hans-Peter Mehling, OB-Kandidat der Freien Wähler, 61 Jahre alt, Münchner, verheiratet, zwei erwachsene Kinder.

Beim Münchner Lehrerverband haben die drei OB-Kandidaten an diesem Januarabend die Gelegenheit, im Stil der Fernsehshow Herzblatt mit möglichst kurzen und kreativen Antworten zur Bildungspolitik zu überzeugen. Sogar eine Susi-Stimme gibt es, einen Gewinner aber nicht. Die Entscheidung hat noch bis zum 15. März Zeit. Für Mehling ist das wohl auch ganz gut so. Denn die Lehrer sind ziemlich sauer, seitdem Michael Piazolo, ebenfalls Freier Wähler und Bayerns Kultusminister, will, dass manche von ihnen mehr arbeiten. Dafür möchte Mehling aber nicht geradestehen, das macht er deutlich.

Mit seinem Namen können die meisten Münchner wenig anfangen. Auf der Straße wird er auch wenige Wochen vor der Wahl nicht erkannt. "Das kann auch an der dunklen Brille liegen", sagt er in bairischem Dialekt und lacht. Vor Kurzem wurde er an den Augen operiert, weshalb er Sonnenbrille trägt, egal ob im Freien oder drinnen.

Die Münchner Freien Wähler sind eine kleine Partei, dennoch wollten sie einen eigenen OB-Kandidaten aufstellen. "Wer macht es denn?", hieß es - dann wurde Mehling gefragt. Und er sagte ja. Warum?

Mehling sieht sich als waschechter Münchner. Doch vor allem ist er einer, der die Ärmel hochkrempelt, wenn ihn etwas stört. Er hat sich immer engagiert, als Schulsprecher, dann als Elternsprecher, im Job als Personalrat. In den Achtzigern warb ihn ein Kollege für die CSU, allerdings tat Mehling nicht mehr, als seinen Mitgliedsbeitrag zu zahlen. Als Edmund Stoiber dann das G 8 durchsetzte, trat er aus.

Vor etwa zehn Jahren beschloss er, in der Politik aktiv zu werden und bei den Münchner Freien Wählern mitzumachen, deren stellvertretender Vorsitzender er heute ist. 2014 trat er auf Listenplatz neun für den Stadtrat an - ohne Erfolg. Aber er wurde in den Bezirksausschuss (BA) von Obergiesing-Fasangarten gewählt, wo er Fraktionsvorsitzender und Mitglied im Vorstand ist. Auch jetzt hat er sich wieder für den BA aufstellen lassen. "Ich bin angetreten, um für die Bürger etwas zu tun, da muss ich wissen, was sie wollen."

Nicht schimpfen - machen: Von diesem Prinzip ist Mehling überzeugt. Egal, ob Verkehr, Wohnen oder Umwelt: In München gibt es einiges, worüber man schimpfen könnte. Als er an einem Vormittag 20 Minuten zu spät ins Café Glockenspiel am Marienplatz kommt, ist es die S-Bahn. Stellwerksstörung, mal wieder. Beim Thema Verkehr landet er immer wieder. Er ist für einen "Mobilitätswandel vom motorisierten Individualverkehr zum öffentlichen Nahverkehr". Ob eine unterirdische Standseilbahn vom Wettersteinplatz über den Tierpark zu den Siemenswerken oder an die aktuelle Verkehrslage angepasste Temporegelungen auf den Straßen - es mangelt ihm nicht an Ideen.

Der Grund, weshalb Mehling in den BA gegangen ist, war aber kein Verkehrsproblem. Der pensionierte Offizier wurde bei der Bundeswehr zum Logistiker ausgebildet. Als Soldat arbeitete er auch beim Bundesnachrichtendienst, erst im Personalwesen, dann machte er Projektarbeit, hatte auch mit dem Neubau in Berlin zu tun. Organisieren, optimieren, so etwas liegt ihm. Bevor er sich zur Wahl stellte, schaute er sich ein paar BA-Sitzungen an. Ihm fielen Abläufe auf, die man verbessern könnte. Dinge, die sich einfacher anhören, als sie manchmal sind. Wie etwa, dass nicht alle gleichzeitig reden. Jetzt möchte Mehling nicht nur etwas für Obergiesing-Fasangarten tun, sondern für die Stadt.

Johann Altmann kam 2014 als OB-Kandidat der Freien Wähler nur auf 1,1 Prozent. Nachdem Altmann dann zur Bayernpartei wechselte, waren die Freien Wähler nur noch mit einem Sitz im Stadtrat vertreten. Seitdem die Partei aber in Bayern mitregiere, habe sich die Wahrnehmung in der Bevölkerung verändert, meint Mehling - auch in München. Sein Ziel: Mindestens fünf Freie Wähler im Stadtrat.

Damit sich die Menschen besser kennenlernen

Er ist Realist genug, um zu sehen, dass seine Chancen, OB zu werden, gering sind. Aber der Spitzenkandidat will im Stadtrat mitgestalten, auch parteiübergreifend. Demokratie hat für den früheren Soldaten auch mit Disziplin zu tun. Damit, sich ab und zu zurückzunehmen, Mehrheitsmeinungen zu akzeptieren, auch mal verlieren zu können. "Es geht immer nur gemeinsam", sagt er. "Das ist das Schöne, aber auch das Zähe an der Demokratie."

Dass es in der Politik aber selten ganz fair und ohne Eigennutz zugeht, bekommt auch Mehling in diesen Tagen mit. Gelegentlich werde ihm gesagt, dass er noch nicht genug Politiker sei, was positiv gemeint sei. Weil er glaubt, dass die Wähler Authentizität wollen, hat Mehling sich vor dem Wahlkampf vorgenommen, er selbst zu bleiben. Wenn er sich bei einem Thema nicht auskennt, sagt er deshalb lieber nichts, anstatt den Leuten Unsinn zu erzählen.

Bei einer Podiumsdiskussion mit Stadtratskandidaten im Giesinger Nachbarschaftstreff gilt es für ihn außerdem, auf einfache Sprache zu achten. An diesem Abend geht es unter anderem um Inklusion. Wenn sich Politiker nicht klar genug ausdrücken, werden im Publikum Warnschilder hochgehoben. Keine maßlose Nachverdichtung und Flächenversiegelung, dafür aber Frischluftschneisen, Bürgergenossenschaften und Mehrgenerationenhäuser: Wenn Mehling spricht, gehen die Schilder besonders oft nach oben, er wird ein wenig ungeduldig.

Dabei ist das, worum es ihm vor allem geht, eigentlich einfach: Die Menschen sollen sich wieder besser kennenlernen. Dort, wo er im Fasangarten lebt, funktioniert das, was er mit Dezentralisierung meint, schon ziemlich gut, erzählt er einige Wochen später. Man hilft sich, achtet aufeinander. Und wenn es der Winter hergibt, wird im Garten auch mal eine Schneebar gebaut und die Nachbarn feiern mit Glühwein aus der Thermoskanne.

Mit Stadtteilzentren, in denen man erledigen können soll, wofür man bisher etwa ins Kreisverwaltungsreferat fährt, will Mehling die Münchner aus der Anonymität und aus den vollen U- und S-Bahnen rausholen. Auch Ärzte und Läden soll es dort geben und Freizeitangebote. Ihm selbst mache es immer Spaß, Menschen zu treffen, auch jetzt im Wahlkampf.

Plakate aufstellen, an Infoständen stehen, Podiumsdiskussionen und die riesige Flut an Mails, die beantwortet werden muss: Dass so viel Arbeit auf ihn zukommen würde, hätte er nicht gedacht. Seit die Kinder aus dem Haus sind, trifft sich die Familie einmal im Monat zum Essen. Das ist Mehling auch vor der Wahl wichtig.

OB-Kandidat der Freien Wähler: Musik ist Mehlings Hobby. Alle 14 Tage probt er mit seiner Band.

Musik ist Mehlings Hobby. Alle 14 Tage probt er mit seiner Band.

(Foto: Catherina Hess)

Genauso die Proben alle 14 Tage mit seiner Band Three for you, in der er Coversongs singt und Piano spielt. Fünf Jahre war er in seiner Jugend bei den Regensburger Domspatzen, später in verschiedenen Bands. Es gab mal eine Zeit, da überlegte er, die Musik zum Beruf zu machen, wollte Tontechniker werden. Das war vor der Bundeswehr und viele Jahre vor der Politik.

Obwohl er lange kein freies Wochenende mehr hatte, bereut er seine Kandidatur nicht. "Jeder Schritt bringt einen weiter", sagt er, auch nachdem er eine Stunde lang müden Zehntklässlern in einer Realschule den Aufbau der Wahlzettel bei der Kommunalwahl erklärt hat. Dabei könnte er jetzt seinen Ruhestand genießen, bei schönem Wetter in Straßencafés sitzen, das tut er besonders gerne.

Mit "München soll München bleiben" werben die Freien Wähler für sich. Was aber ist Mehlings München? "Wir haben ja alles", sagt er und meint damit etwa das moderne Werksviertel auf der einen und die denkmalgeschützte Feldmüllersiedlung auf der anderen Seite. "Das Schöne an München ist die Kombination." Er will erhalten, was die Stadt für ihn ausmacht. Doch er weiß auch, dass die Zeit nicht stehen bleiben kann.

© SZ vom 04.03.2020/amm
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