CSU-Kandidatin für München:"München ist gestresst"

Kristina Frank, OB-Kandidatin der CSU vor dem Justizpalast

Die Sicherheit in Gerichtssälen zu verbessern, war Kristina Franks erste politische Mission. Nun will die Kommunalreferentin Chefin im Rathaus werden.

(Foto: Florian Peljak)

Kristina Frank will ein verlorenes Gefühl zurückholen und die Stadt entspannen. Um dieses Ziel zu erreichen, streicht die OB-Kandidatin der CSU Schlafstunden und turnt auch mal öffentlich auf der Yogamatte vor.

Von Heiner Effern

Es wird schlagartig still im Kinosaal, als Kristina Frank erzählt, welches Ereignis sie maßgeblich politisiert hat. Es geht um einen Mord, und zwar an einem Staatsanwalt in Dachau, zu dem sie Anfang 2012 als ermittelnde Kollegin gerufen wurde. Das Opfer kannte Frank aus gemeinsamen Studienzeiten, den Richter, den der Todesschütze verfehlt hatte, aus dem Gerichtssaal. Die Szenerie, die ersten Vernehmungen, all das habe etwas bei ihr in Gang gesetzt, erklärt sie auf dem Podium, das nun kurz mal ihr gehört, obwohl sie zwischen Parteichef Markus Söder und CSU-Generalsekretär Markus Blume sitzt.

Sie habe in den Wochen und Monaten nach den tödlichen Schüssen ihre erste politische Mission entwickelt, erinnert sich Frank: Richter und Staatsanwälte sollten in den Gerichtsgebäuden besser geschützt werden. Sie begann herumzutelefonieren, in ihrer eigenen Partei, der CSU. Die richtigen Nummern hatte sie, schließlich hatte sie auch schon als Assistentin des früheren CSU-Justizministers Alfred Sauter gearbeitet. Heute gibt es Einlasskontrollen an Gerichten. Welchen Anteil die junge Staatsanwältin daran auch immer hatte, in der Partei war sie aufgefallen. 2014 zog sie erstmals für die CSU in den Stadtrat ein, und nur sechs Jahre später steckt sie mitten in ihrer derzeit größten politischen Mission: Sie will am 15. März Oberbürgermeisterin von München werden.

Natürlich weiß Frank, die sich selbst als strategischen Kopfmenschen beschreibt, dass die Ausgangsposition "krass" ist, viel härter als die ihres Vorgängers als CSU-Kandidat, Josef Schmid, im Jahr 2014. Die SPD tritt diesmal nicht mit einem Neuling an, sondern mit einem beliebten Amtsinhaber. Sie selbst muss sich Bekanntheit hart erarbeiten, die Schmid bei seinem zweiten Anlauf schon hatte. Und die Grünen befinden sich auf einem Höhenflug, von dem diese vor sechs Jahren nicht mal zu träumen gewagt hätten. Doch Wegducken gehört nicht zu den Eigenschaften der selbstbewussten Frank. Allerdings ist sie auch nicht weltfremd, was den ersten Wahlgang betrifft: "Da habe ich ein klares Ziel vor Augen: die Stichwahl."

Um die Chancen dafür zu erhöhen, haben Söder und Blume am Montagabend die Spitzenkandidatin ins Filmtheater am Sendlinger Tor eingeladen, zu einem sogenannten Stadtgespräch. Um München geht es auch, wenn es nicht gerade um Söder oder den Parteichef geht, also in den recht kurzen Freiräumen, die das eingespielte CSU-Doppelpass-Duo der Kandidatin lässt. "München ist gestresst", sagt also Frank, und sie will die Stadt wieder entspannen. Zu viele Menschen haben ihrer Ansicht nach schlechte Laune, weil sie am S-Bahnhof stehen oder auf den Straßen mit dem Auto. Weil die Mieten so teuer sind, die Betreuungsplätze so knapp, das Miteinander in vielen Bereichen in ein Gegeneinander gekippt sei. Sie will ein München-Gefühl zurückbringen, das sie verloren glaubt. Eine Gemütlichkeit und Ausgeglichenheit, in die sie vor gut 38 Jahren noch hineingeboren wurde.

Wie die Liebe zwischen ihr und München anfing, erzählt sie im Café des Hotel Anna, nur einen Steinwurf vom Justizpalast entfernt. Den Treffpunkt hat Frank gewählt, weil er das Schöne in der Stadt und ihre Profession als Juristin so münchnerisch zusammenbringt. Sie bestellt Tee und fängt ganz von vorne an, weil der Ort ihrer Geburt mit einer ihrer großen Leidenschaften zusammentrifft: Frank kam in einer Klinik direkt an der Wiesn zur Welt, offenbar hat das geprägt. Sie wuchs dann in einer "klassischen Reihenhaussiedlung in Obermenzing auf", zunächst sehr unbeschwert.

Doch nach dem Wechsel auf das Pasinger Max-Planck-Gymnasium hätten finanziell harte Jahre begonnen, erzählt Frank, nämlich als die Firma ihres Vaters in die Insolvenz ging. "Da ging es darum, ob wir aus dem Haus fliegen, wenn wir die Miete nicht bezahlen können." Auch beim Ausgehen war das knappe Geld schmerzlich zu spüren. "Ich habe Wasser auf der Toilette getrunken, weil ich mir genau ein Getränk leisten konnte." Sie begann früh zu jobben, stellte aber in jungen Jahren auch schon die Weichen für die Zukunft. Im Firmunterricht lernte sie ihren Mann kennen, ein Schulkamerad lockte sie Ende der Neunzigerjahre zur Jungen Union.

Nach dem Jura-Studium an der LMU war sie zunächst bei einer großen Kanzlei beschäftigt, danach schlug sie die Laufbahn als Staatsanwältin ein und arbeitete noch als ehrenamtliche Stadträtin als Richterin. Das sei immer ihr Traumberuf gewesen, sagt Frank. "Sich zuerst eine Meinung bilden, dann aber auch eine Entscheidung treffen." Doch eine Blitzkarriere im Stadtrat warf sie aus der geplanten Bahn.

Frank wurde schnell Sprecherin im Kommunalausschuss, stellvertretende Fraktionschefin und im Jahr 2018 wählten sie die Kollegen zur neuen Kommunalreferentin. "Da muss man sich selbst fragen, ob man auf die Bremse steigen sollte", sagt sie. Doch das Gegenteil war der Fall, nach dem Wechsel von Josef Schmid in den Landtag ergab sich die Chance auf die OB-Kandidatur. Zum ersten Mal war die CSU bereit, eine Frau als Spitzenkandidatin zu nominieren. "Man muss die Chance ergreifen, wenn sie sich bietet, das weiß man in der Politik", sagt Frank heute. Bereut hat sie es bisher nicht, im Gegenteil.

Auch wenn sie nun von Termin zu Termin hetzt "wie ein Duracell-Häschen", verspüre sie noch so viel Energie, dass der Tag 48 Stunden vertragen könne. Als Alternative hat sie begonnen, Schlafstunden zu streichen und, was sie sehr schmerze, den Sport. Wenn Zeit dafür ist, geht sie am liebsten in die Berge, zur Not tut es aber auch ein Fitnessstudio oder die Yoga-Matte. Nur der Samstagnachmittag ist für Passivsport reserviert: in der Südkurve des FC Bayern. Doch im Moment hat, wenn es denn freie Minuten gibt, die Familie Vorrang, der Mann und der drei Jahre alte Sohn, mit denen sie in Neuhausen wohnt.

Die Familie hat mehr aus der Distanz erlebt, wie die Frau und Mama ordentlich vorturnt, um als OB-Kandidatin bekannt zu werden. Zum Beispiel beim Yoga auf dem Dach eines städtischen Gebäudes oder vor einem Müllauto mit Mitarbeitern des Abfallwirtschaftsbetriebs, den sie als Kommunalreferentin leitet. Diesen Job reizt sie bis an die Grenzen ebenfalls aus, um auf der politischen Bühne präsent zu sein. Sie tourt nicht nur als "oberste Müllladerin" durch die Stadt, sondern auch als "Oberförsterin" oder "Oberbäuerin", da ihre Behörde sich auch um den Wald und die Stadtgüter kümmert. Muss man sich dafür quälen?

"Ich bin eine Rampensau, habe auch in einer Laien-Theatergruppe gespielt", sagt sie. Aber eben auch, dass ihr Kampf um Bekanntheit schon einem Plan folge. Wie sie überhaupt gerne strategisch vorgeht, manchmal sogar auch penibel, wie sie einräumt. Rechtschreibfehler und Fristversäumnisse bei Unterlagen sind ihr etwa ein Gräuel. So ein Wahlkampf sei trotzdem ein steter Lernprozess, weil doch vieles anders komme, als man denke, sagt Frank. Doch das Kennenlernen von Unbekanntem reize sie auch, besonders wenn es um neue Ecken in der Stadt oder um neue Leute geht.

Zum Beispiel im Pfarrsaal von St. Rita in Bogenhausen. Dort treffen sich einmal im Monat Senioren zum gemeinsamen Frühstück. Die Tische sind zu einer langen Tafel zusammengeschoben. Neben Tulpen, Gestecken und einer Vielzahl anderer Blumen stehen darauf selbstgebackene Kuchen, Marmeladen, Wurst- und Käseplatten. Mehr als 40 Gäste sind gekommen, die Frank auch mit schüchternem Applaus begrüßen. Die merkt schnell, dass eine Frontalansprache wenig gewünscht ist, setzt sich dazu, und nach einigen steifen ersten Minuten und der ersten halben Aufschnittsemmel tauen beide Seiten auf.

Frank wechselt mehrmals den Platz, spricht über Rente, Ballungsraumzulage, verschmutzte Straßen und Plastikmüll. Sie bleibt dabei die eloquente Richterin, erklärt Schmutzansammlungen mit der Broken-Windows-Theorie, doch als der Besuch nach einer Stunde zu Ende gehen soll, meldet nicht nur eine ältere Dame noch Gesprächsbedarf. "Die macht das gut, ist nett und sympathisch und setzt sich dazu. Manche sagen nur kurz was und gehen gleich wieder", sagt eine Seniorin. Auch wenn das bei ihr nicht fruchten werde, sie wähle die SPD seit dem Wimmer Dammerl, und das bleibe auch so. Eine andere vertraut Frank dafür an, dass das Kreuz bei der Briefwahl schon an der richtigen Stelle sitze. Bis zur Wahl wird Frank dafür kämpfen, dass es möglichst viele so machen.

© SZ vom 06.03.2020/infu
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