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Kommunalwahl in Milbertshofen-Am Hart:Stress-Symbol des Münchner Nordens

Stau auf dem Frankfurter Ring in München, 2014

Alltag nicht nur am Frankfurter Ring: Im Stau stehen bleibt vermutlich eine konstante Geduldsübung im Münchner Norden.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Zwischen BMW-Stolz und Pendler-Verdruss: Wie in keiner zweiten Gegend prägt hier das Auto die kommunalpolitischen Debatten

Das Wichtigste im Stadtbezirk ist und bleibt das Auto, obwohl es den Milbertshofenern längst lästig geworden ist. Aber man kommt einfach nicht an ihm vorbei: Nicht, wenn man auf dem Frankfurter Ring im Stau steht und auch nicht, wenn man im Olympiapark spazieren geht und auf das Vierzylinder-Hochhaus blickt, mit dem BMW dem Auto ein städtebauliches Monument geschaffen hat. So drehen sich in Milbertshofen-Am Hart fast alle kommunalpolitischen Auseinandersetzungen stets um die gleiche Frage, in einer ihrer tausend Variationen: Wie wird man das Auto wieder los, wo stellt man es ab oder unter?

Zwei Projekte werden von vielen Bürgern und Lokalpolitikern seit vielen Jahren ersehnt: Der S-Bahn Nordring und der Autobahntunnel zur A 99. Ersteres soll Pendler aus dem nördlichen Umland von der Straße auf die Schiene bringen. Und zwar mit einer S-Bahn-Verbindung, die schon in fünf Jahren Karlsfeld über die bisherigen Gütergleise, vorbei an BMW, mit dem Euro-Industriepark verbinden könnte. Die übrigen Autofahrer sollen in Zukunft möglichst durch einen Tunnel direkt von der Schleißheimer Straße auf den Autobahnring im Norden befördert werden. Doch wann diese Zukunft eintritt, ist ungewiss, denn die Stadt prüft noch immer verschiedene Varianten.

Das S-Bahn-Projekt ist politisch unstrittig und wird von allen Parteien im Bezirksausschuss (BA) so schnell wie möglich herbeigesehnt. Das sieht in puncto A 99-Zubringer schon anders aus, denn der Autobahntunnel müsste unter einem Naturschutzgebiet hindurch gebuddelt werden. Und dabei gleitet der Streit ums Auto schnell ins Grundsätzliche ab: In unermüdlichen und bis spät in die Nacht genüsslich ausgebreiteten Diskussionen über Kraftfahrzeuge, Stellplatzschlüssel, Straßenbahnen, Lastenräder und Sharing-Bikes hat sich die Verkehrsfrage im BA längst zur Profilneurose ausgewachsen. Die symbolische Bedeutung des Autos wird mit regelrecht revolutionärem Eifer umkämpft.

Die Überpartei, das sind in diesem Streit die Grünen: Sie kämpfen um die Säkularisierung des Autos, um seine kompromisslose Entweihung als Endzweck mechanischer Schöpfung. Damit treiben sie den Girondisten von der CSU regelmäßig den Schaum vor den Mund. Befeuert von den bissigen Bemerkungen ihres neuen Anführers, des Fraktionssprechers Thomas Schwed, mobilisiert die CSU geschlossen für die Autofahrer aller Nationen und lässt keine Gelegenheit aus, ihre Gegner zu demütigen. Dazwischen steht die SPD, stets abwägend, teils phlegmatisch, mal von den Autofahren, mal von den Radlern umworben. Ideales Abbild dieser Gruppierung ist ihr Anführer: Freddy Hummel-Haslauer (SPD), der Vorsitzende des Gremiums. Als Taxifahrer lebt er vom Auto und steht doch täglich im Stau.

Zum Rikschafahrer ist er noch nicht geworden. Aber in Kampfabstimmungen kann eine hauchdünne rot-grüne Mehrheit mit Unterstützung von der ÖDP meist das Verkehrsthema für sich entscheiden. Ob das auch nach der Wahl so bleiben wird, hängt davon ab, wie stark oder schwach die SPD daraus hervorgehen wird. Denn trotz ihres Hochs werden die Grünen nicht alles kompensieren können. Ein Verlust des BA-Vorsitzes wäre jedenfalls ein herber Schlag für die SPD, für die der Stadtbezirk seit Jahrzehnten eine Hochburg ist. Grund zur Sorge gibt es für sie genug: Hatte die SPD 2014 bei der BA-Wahl noch 40 Prozent erzielt, waren es bei der Europawahl im Stadtbezirk keine 13 Prozent mehr.

Doch während die Parteien über Radwege streiten, werden von den Herren der automobilen Schöpfung längst Fakten geschaffen: BMW will in seinem Forschungs- und Innovationszentrum (FIZ) an der Knorrstraße in den nächsten Jahrzehnten bis zu 15 000 Arbeitsplätze neu schaffen, die meisten davon für Ingenieure und technisches Personal in den oberen Gehaltsklassen. Das wird nicht nur noch mehr Autos in den Stadtbezirk bringen, sondern ihn auch tiefgreifend verändern. Weil für große Wohnbauprojekte schlichtweg kein Platz mehr ist, ist die Folge zwangsläufig verstärkte Gentrifizierung. Ob man deren Chancen und Gefahren erkennt, wird eine wichtige Frage für die kommende Amtsperiode sein. Doch dafür müsste man sich auch mal nicht ums Auto streiten.

Die Spitzenkandidaten der Parteien (soweit bekannt): SPD: 1. Freddy Hummel-Haslauer, 2. Susanne Schneider-Geyer, 3. Stefan Wasner. CSU: 1. Thomas Schwed, 2. Roland Kerschhackl, 3. Erich Tomsche. Grüne: 1. Nicole Riemer, 2. Michael Dörrich, 3. Jutta Koller. Freie Wähler/ÖDP: 1. Leo Meyer-Giesow, 2. Karl Ilgenfritz, 3. Sarah Mohr. FDP: 1. Claus Wunderlich, 2. Enrico Bianco, 3. Alexis Rump. AfD: 1.-3. Roland Klemp.

© SZ vom 24.01.2020
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