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Kommunalwahl in Altstadt/Lehel:Schattenseiten eines Privilegs

Wer in der Stadtmitte wohnt, hat einige Nachteile zu erdulden

Obwohl in Rufweite zum Rathaus, fühlen sich die Altstadtbewohner und ihre Nachbarn im Lehel von den Stadtoberen manchmal überhört, vielleicht weil sie nicht allzu viele Wählerstimmen in die Waagschale zu werfen haben und nur wenige Stadträte selbst hier wohnen. Außerhalb von Bürgerversammlungen ist jedenfalls selten die Rede davon, dass das Projekt einer autofreien City oder die Lenkung von Touristenströmen nicht nur den Handel betreffen, sondern auch die knapp 21 000 Bewohner des Stadtbezirks 1.

Die Frage "Wem gehört die Stadt?" stellt sich hier weniger zwischen Alteingesessenen und Zuzüglern, als zwischen Bewohnern und Touristen. Manche Sorgen teilen die Altstädter eher mit den Bewohnern von Dubrovnik oder Barcelona als mit den Stadtrand-Münchnern: Dichtestress, Straßenmusiker mit begrenztem Repertoire, Partyvolk und globalisiertes Einerlei in Gastronomie und Einzelhandel vergällen manchem Bewohner die Freude an seiner Heimatstadt. Klar, in mancher Klage macht sich der spezifische Münchner Grant Luft, wonach hier ohnehin schon immer zu viel los gewesen sei. Andererseits sucht der "Overtourism" längst nicht mehr nur zur Wiesnzeit die Landeshauptstadt heim. Eine einschlägige Rangliste stuft München weltweit auf dem elften Platz ein, mit jährlich 2,65 Touristen pro Einwohner, die erst kürzlich dazu beitrugen, die Achse Kaufinger - Neuhauser Straße auf einer weiteren Rangliste in der Vorweihnachtszeit zur beliebtesten Einkaufsmeile Deutschlands zu machen. Neu ist die Überfüllung nicht. Zum Politikum wird sie vor allem dort, wo die Planung dem Pkw-Verkehr Flächen abtrotzt. Die neuen Fußgängerzonen in der Sendlinger Straße oder in der Dienerstraße kommen bei den Anwohnern gut an, zusätzliche Freischankflächen, Rikschastände oder Radl-Stellplätze schon weniger.

Im Lehel ebben die Touristenströme deutlich ab. Die Gentrifizierung hat Münchens älteste Vorstadt dafür besonders früh erfasst, aber bis heute nicht komplett durchdrungen. Hie und da hält sich eine sozial ausgeglichene Nachbarschaft. Gut, mit der Gegend um den idyllischen St.-Anna-Platz ploppte auch dort eine nächtliche Partybühne auf, oder, wie Nachbarn vermuten, die improvisierte Strandbar der nahen Eisbachwelle.

Unterdessen wissen die Menschen hier natürlich, dass es ein Privileg ist, im Herzen der Stadt zu leben, wenn es auch mitunter ein mühsames Vorrecht ist. Wenn es jenseits von Dallmayr und Viktualienmarkt um den täglichen Lebensmittelkauf zu moderaten Preisen geht, herrscht in der Altstadt eine dünne Versorgungslage. Da sieht es im Lehel etwas besser aus. Dafür haben es Bankkunden dort schwer, seit die Stadtsparkasse ihre Filiale in der Wagmüllerstraße und einen Geldautomaten in der Sternstraße unter Protest von Anwohnern und Bezirksausschuss wegrationalisiert hat. Das Münchner Kindl am Sparkassenhaus im Tal scheint dazu die bronzenen Arme in einer hilflosen "Ja mei"-Geste zu heben. Auch bei der Entsorgung kommen Alltagsbedürfnisse im Metropolenglanz gerne etwas zu kurz: Baustellenbedingt gibt es in der ganzen Altstadt und derzeit auch am Altstadtring keinen einzigen Wertstoffcontainer mehr. Platzsparende Unterflur-Wertstoffinseln scheiterten bisher am Einspruch der städtischen Denkmalschutzbehörde, die archäologische Relikte gefährdet sieht.