Wer den blassgrünen Stimmzettel für die Wahl zum Münchner Stadtrat auf seine volle Größe von 148 mal 60 Zentimeter entfaltet und sich dann noch die Mühe macht, wirklich alle 958 Kandidaten aus den 14 Parteien zu studieren, wird auf Namen stoßen, die einem irgendwie bekannt vorkommen. Allerdings nicht aus der Kommunalpolitik, sondern aus anderen Zusammenhängen. Aber wahrscheinlich wird man nur wenige dieser mehr oder weniger bekannten Menschen später im Stadtrat sehen. Gute Chancen werden vor allem zwei Kandidatinnen eingeräumt.
Patricia Riekel ist eine davon, sie ist bei der FDP zu finden an vierter Stelle der 80 Kandidaten umfassenden Liste, einem durchaus aussichtsreichen Platz. Ihre Partei ist bislang mit drei Mitgliedern im Stadtrat vertreten, Ziel sind nun vier Mandate, damit es für eine Fraktion reicht. Und Riekel ist vielleicht prominent genug, um sogar noch ein, zwei Plätze nach vorn gewählt zu werden.
Wer früher die Bunte gelesen hat, hat sie dort im Impressum an erster Stelle entdeckt: Fast zwanzig Jahre lang war Riekel Chefredakteurin der Boulevard-Zeitschrift, im Sommer 2016 ging sie in Rente, aber nicht in den Ruhestand. „Ich finde, ich hab’ noch was zu sagen“, erklärt die 76-Jährige ihr Engagement in der Kommunalpolitik.
Was die Politik angeht, bezeichnet sich die Journalistin als „totale Seiteneinsteigerin“, eine gewisse Erfahrung würde sie dennoch mitbringen. Seit 2020 sitzt sie für die FDP im Bezirksausschuss Bogenhausen; dort bewirbt sie sich erneut, diesmal sogar als Spitzenkandidatin. Auf der untersten kommunalpolitischen Ebene habe sie erlebt, „dass man auch mit vermeintlich kleinen Dingen viel bewirken kann“, sagt sie.

Kommunalwahl in München:Panaschieren, kumulieren oder nur ein Kreuz setzen – was bei der Wahl zu beachten ist
Mehr als ein Dutzend Oberbürgermeister-Kandidaten und ein riesiger Stimmzettel, auf dem für den Stadtrat 80 einzelne Stimmen vergeben werden können – was bei der Kommunalwahl zu beachten ist.
Riekel will sich mit „Herzblut, Empathie und Lebenserfahrung“ in die Stadtpolitik einbringen, sie sei „begeisterte Münchnerin“. Sie will gegen Altersdiskriminierung kämpfen und verweist auf die knapp 300 000 Menschen im Rentenalter in der Stadt: „Ich fände es wunderbar, wenn das Leben hier auch für ältere Mitbürger angenehm bleibt.“ Als Journalistin legt sie zudem Wert auf eine kontinuierlichere Medienerziehung für Kinder. Und sie würde gerne jungen, engagierten Frauen den Weg in die politische Arbeit erleichtern.
Frauen wie Günes Seyfarth, die allerdings nicht auf Riekels Unterstützung angewiesen ist. Die 45-Jährige bewirbt für die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) um einen Sitz im Stadtrat, mit ähnlich guter Ausgangslage wie Patricia Riekel: auf Platz vier einer Partei, die bislang drei Vertreter im Stadtrat hat und gerne einen mehr hätte, um eine eigenständige Fraktion zu bilden.

Auf dem Wahlzettel firmiert Günes Seyfarth als „Sozialunternehmerin“, bekannt ist sie als Macherin: Sie gründete einst eine Kita (Karl & Liesl), dann eine Online-Plattform zum Tausch gebrauchter Kinderkleidung (Mamikreisel), später die 2025 eingestellte Community Kitchen zur Rettung von Lebensmitteln, die sonst weggeworfen worden wären, und das Beraterteam „Die MacGyvers“, um Start-ups und kleinere Unternehmen zu unterstützen.
„Mir haben Leute schon lange gesagt, du gehörst in die Politik“, erzählt sie fröhlich am Telefon. Im vorigen Sommer sei die ÖDP auf sie zugekommen. Nach einer Woche Bedenkzeit war sie dabei, als parteilose Kandidatin, wie sie betont. „Ich verschreibe mich gern einer Sache, aber ich will mich nicht auf eine Parteilinie festlegen lassen“, erklärt sie. Die ÖDP sei entspannt damit.
Dass ihr als Stadträtin eine Amtszeit von sechs Jahren bevorstünde, „sprach im ersten Moment nicht dafür, weil das sehr lange ist“, sagt Seyfarth. Sie denkt und arbeitet am liebsten in Projekten: „Ich mache gern Projekte, die schon heute einen Mehrwert haben, nicht erst in dreißig Jahren.“ Politik hat sie bislang als „etwas Behäbiges“ wahrgenommen, insofern sieht sie sich als Prozess-Beschleunigerin. Falls sie in den Stadtrat gewählt würde, hat sich Seyfarth jedenfalls vorgenommen: „Ich mache das, was ich am besten kann: Ich gebe Gas.“
Auch Schauspieler und frühere Staatsminister finden sich auf den Listen
Andere bekannte Kandidatinnen und Kandidaten als Patricia Riekel und Günes Seyfarth dürften es freilich schwerer haben, ein Mandat zu erlangen. Der Klatschkolumnist Michael Graeter, 85, einst Vorbild für die Figur Baby Schimmerlos in der TV-Serie „Kir Royal“, ist auf Platz 12 der München-Liste in den Wahlkampf gestartet, unter anderem mit der Idee, ein Formel-1-Rennen nach München zu holen: Start vor der Feldherrnhalle, nordwärts über Ludwig- und Leopoldstraße, irgendwo um die Kurve, zurück über die Maximilianstraße.
Der Instagram-Influencer Philip Windsperger, seinen 350 000 Followern als „Onkel Phil“ von der Seite „Münchner Gesindel“ bekannt, muss sich bei der CSU sogar mit einem noch weiter hinten liegenden Platz begnügen: Er steht an 33. Stelle der Liste, könnte aber von seiner Gefolgschaft durchaus noch nach vorn gehäufelt werden.

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Die Linke bietet immerhin schon auf Platz acht den Schauspieler Erwin Aljukic, 48, auf, der 13 Jahre in der TV-Serie „Marienhof“ mitgewirkt hat und nun an den Münchner Kammerspielen zu sehen ist. Die größte Schauspieler-Dichte mit einem halben Dutzend findet man beim neu gegründeten Bündnis Kultur, wo Daniela Voß, 48, auf Platz vier die bestplatzierte Künstlerin ihres Metiers ist, zwei Ränge vor dem Rapper und DJ Achim Waseem Seger, 40. Bei der Rosa Liste entdeckt man den für queere Gottesdienste berühmten Pfarrer Wolfgang Scheel (66; Platz 6) ebenso wie den Travestie-Künstler Hans-Peter Ambacher, 75, vermutlich besser bekannt als „Miss Piggy“ (Platz 16).
Man stößt beim Stöbern auch auf zwei ehemalige bayerische Staatsminister: Michael Piazolo, 66, ehemals Minister für Unterricht und Kultus, hat sich von den Freien Wählern zum einen als Oberbürgermeister-Kandidat und zum anderen als Bewerber Nummer zehn auf der Stadtratsliste aufstellen lassen. Und der frühere Wissenschafts- und Forschungsminister Wolfgang Heubisch, 79, rangiert bei der FDP auf Platz 17 wohl ebenfalls eher in der Rubrik „ferner kandidieren“.

