Kommunalpolitik Warum Frauen es in der CSU schwer haben

Mechthilde Wittmann (links, CSU) mit Ilse Aigner.

(Foto: Robert Haas)

Wir schreiben das Jahr 2017, und die Partei feiert sich für ihre erste Kreisvorsitzende in München. Doch auch in anderen Parteien bleiben Männer gern unter sich.

Von Dominik Hutter

Es ist passiert: Die Münchner CSU hat erstmals in ihrer Geschichte eine weibliche Kreisvorsitzende. Stadträtin Evelyne Menges folgt im Kreisverband 7 dem Rathaus-Senior Walter Zöller nach, der nach 22 Jahren nicht mehr angetreten ist. Dass nun auch einmal eine Frau an der Spitze stehen darf, war dem Bezirksverband eigens eine Erwähnung in einer Presseerklärung wert. Zu Recht.

Denn exotisch ist das nach wie vor - selbst im 21. Jahrhundert. Alle anderen acht Kreisverbände werden weiterhin von Männern geführt, ebenso der übergeordnete Bezirksverband. In den vier Bundestagswahlkreisen treten wie schon 2013 vier Männer an, und unter den acht amtierenden CSU-Landtagsabgeordneten aus München befindet sich mit Mechthilde Wittmann nur eine einzige Frau.

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Es ist nicht so, dass dies in der Partei niemandem auffallen würde. "Erschreckend" sei der ganz offensichtliche Männer-Überhang, urteilt eine CSU-Politikerin, die das nur anonym sagen will - aus Sorge, dass ihr solche Äußerungen intern übel genommen werden.

Eine Parteifreundin geht davon aus, dass dies alles kein Zufall ist - dass sich die Männer nur ungern von selbstbewussten und politisch aktiven Frauen die Butter vom Brot nehmen lassen. Allerdings ist in der CSU auch zu hören, dass für viele Positionen schlicht zu wenige Frauen antreten, manchmal bewerbe sich keine einzige. Und dass man ja keineswegs allein sei mit diesem Problem.

Für den Bundestag hätte es allerdings durchaus eine geeignete Kandidatin gegeben: die amtierende Abgeordnete Julia Obermeier, die aus Mühldorf zugezogen ist. Sie unterlag bei der Nominierung im Münchner Westen Stephan Pilsinger und muss nun hoffen, über die Liste ihr Mandat zu verteidigen. Dass die als streitbar bekannte Ex-Stadträtin Mechthilde Wittmann nicht im Münchner Norden kandidierte, begründete sie mit einem Argument, das bei Männern ähnlich selten vorkommt wie die Puppenstube im Jungszimmer: Als Alleinerziehende will sie ihren Kindern den Spagat zwischen München und Berlin nicht zumuten.

Warum aber sind Frauen selbst in einer Großstadt des Jahres 2017 politisch unterrepräsentiert? "Man kann niemanden aufstellen, wenn man niemanden hat", sagt Ursula Münch, die Direktorin der Tutzinger Akademie für Politische Bildung. Der Frauenanteil in Parteien liege seit Jahren stabil bei nur etwa 30 Prozent, in der CSU seien es mit rund 20 Prozent noch auffallend weniger.

Der Kreis möglicher Bewerberinnen für interessante Positionen ist damit kleiner als bei den Männern. Politik sei nun einmal seit Jahrzehnten traditionell männlich dominiert, so Münch. "Das hat Nachwirkungen." Oft fehlten den Frauen zudem politische Vorbilder - während sie bei Männern in großer Zahl vorhanden sind. Daran könne nicht einmal die Tatsache etwas ändern, dass mit Angela Merkel eine Frau Bundeskanzlerin ist. Denn die CDU-Chefin "will ja genau nicht über ihr Geschlecht dargestellt werden".

Nicht nur die CSU kämpft mit dem Problem

Dazu kommt die Mehrfachbelastung: Familie, Beruf - und zusätzlich noch ein Mandat? "Eigentlich ist es dann unmöglich, auch noch politisch aktiv zu sein", hat Münch festgestellt. In den meisten Familien sei die Frau nach wie vor die letzte Instanz, wenn es um Kinderbetreuung geht. Sie springt ein, wenn der Vater abends in den Ortsverband muss. Umgekehrt ist das in vielen Partnerschaften sehr viel schwieriger.

Vor allem natürlich, wenn man einem traditionellen Familienbild anhängt. Und die CSU sei nun einmal vor allem im konservativ geprägten ländlichen Raum erfolgreich. Letztlich schlügen sich aber die meisten Parteien mit dem Problem herum, auch SPD und Grüne. "Das wird sich wohl auf Jahrzehnte nicht ändern", lautet Münchs pessimistische Voraussage.

In der Tat ist die Dominanz der Männer auch jenseits der CSU nicht zu übersehen. Die Münchner FDP hat für den Bundestag ebenfalls keine einzige Frau als Direktkandidatin nominiert. Die SPD erreicht mit der Kandidatur ihrer München-Vorsitzenden Claudia Tausend lediglich eine Frauenquote von 25 Prozent: eine von vier. Besser sieht es bei den Grünen aus, die mit Margarete Bause und Doris Wagner auf immerhin 50 Prozent kommen.

Die Bundestagsabgeordnete Claudia Tausend und der Landtagsabgeordnete Markus Rinderspacher im Sportpark des SV Neuperlach während des Festakts zum fünzigjährigen Bestehen des Münchner Stadtteils.

(Foto: Robert Haas)

Auch das Rathaus ist eindeutig männlich geprägt: Die langjährige Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD) geht in der öffentlichen Wahrnehmung im Schatten der Alphatiere Dieter Reiter (SPD) und Josef Schmid (CSU) fast unter und beklagt diesen Zustand auch regelmäßig. Ob er allein auf Geschlechterrollen zurückzuführen ist, ist unklar - diese Ungewissheit gibt es aber bei jeder Debatte über den Frauenanteil in Unternehmen oder der Politik.

Es ist jedoch schlicht nicht zu übersehen, dass Männer in einflussreichen Rollen stärker repräsentiert sind als die andere Hälfte der Menschheit. So kam auch der Großteil der Rathaus-Fraktionschefs mit einem XY-Chromosomensatz zur Welt. Lediglich die der Doppelspitze verpflichteten Grünen können mit Gülseren Demirel eine Frau in dieser Führungsposition vorweisen. In der zweiten Reihe sieht es etwas besser aus. Bei der CSU etwa sind zwei der drei Stellvertreter von Fraktionschef Manuel Pretzl Frauen: Kristina Frank und Evelyne Menges. Die SPD setzt auf halbe-halbe: Alexander Reissl wird von Verena Dietl und Christian Vorländer vertreten.

Münch befürchtet, dass Frauen künftig sogar noch weiter auf dem Rückzug sein könnten. Denn der demografische Wandel sorge dafür, dass der Anteil älterer Wähler und Parteimitglieder ansteige. "Unter älteren Herren in der Politik gibt es aber eine gewisse Neigung, keine jungen Frauen nachkommen zu lassen", so Münch. Sie seien einfach "so sozialisiert".

Ohne Quote gehe es nicht

Das macht es für junge Frauen schwerer, aber auch unattraktiver, sich in der Politik zu engagieren. Münch glaubt deshalb, dass es ohne Quote nicht geht. Sonst seien auf absehbare Zeit keine Fortschritte zu erwarten. Münch hält es für augenfällig, wie stark Frauen in den Parlamenten Skandinaviens vertreten sind. Ein Ergebnis der Quote. In Norwegen etwa gebe es schon seit Anfang der Nullerjahre eine gesetzliche Regelung: 40 Prozent aller Mitglieder in gewählten öffentlichen Gremien müssen Frauen sein.

Ohne breite gesellschaftliche Akzeptanz allerdings funktioniere eine Quote nicht, warnt die Akademie-Direktorin. In Zeiten verbreiteter Eliten-Verdrossenheit könne es negative Folgen haben, Unwilligen eine solche Regelung überzustülpen. Was letztlich herauskommt, wenn mehr Frauen mitentscheiden, weiß auch Münch nicht. Frauen seien ja nicht bessere Menschen oder bessere Politiker als Männer.

Aber ein paar typische Frauenthemen in der Politik gebe es schon: soziale Ausgrenzung beispielsweise, Bildung oder die Gestaltung von Urbanität. Und vielleicht sorgten Frauen dann auch dafür, dass Ortsverbände zu familienfreundlichen Zeiten zusammenkommen. Und nicht unter der Woche um 19 Uhr.

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