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Kommentar:Zur Rettung ein Umzug

Über dem Haus der Eigenarbeit war in den vergangenen Jahren schon häufiger der Pleitegeier gekreist, nun aber verschärft sich die finanzielle Situation dieser beliebten Institution. Nicht nur corona-bedingt, denn die Miete für die Werkstatt an der Wörthstraße wird in Kürze steigen und der Mietvertrag 2022 sogar auslaufen. Jetzt ist weitsichtiges Handeln gefragt

Von Thomas Kronewiter

Während derzeit Politiker wie Virologen intensiv über eine zweite Welle der Corona-Pandemie nachdenken, zeichnet sich bereits so etwas wie eine dritte Welle ab - wenn man die Auswirkungen auf all diejenigen Einrichtungen und Angebote, Geschäfte und Geschäftsmodelle so bezeichnen will, die durch Auflagen, Restriktionen oder sogar anhaltende Schließzeiten am Ende auf der Strecke bleiben werden. Dementsprechend groß sind die Ängste, gleichermaßen in großen Unternehmen, in mittelgroßen Clubs, aber auch bei einzelnen Selbständigen. Nun stimmt das Team des Haidhauser Hauses der Eigenarbeit (Hei) lautstark in diesen Chor der Klagen ein.

Über dem Hei war in den vergangenen Jahren schon häufiger der Pleitegeier gekreist, erst im vergangenen Jahr hat die Stadt als Hauptsponsor ihren jährlichen Zuschuss signifikant erhöht und der seit einigen Jahren von Rainer Wirth geführten Einrichtung mittelfristig Planungssicherheit verschafft. Schon damals aber war klar, dass die Miete für die Werkstatt an der Wörthstraße in Kürze steigen und der Mietvertrag 2022 sogar auslaufen würde.

Es ist also nicht allein die Corona-Krise, die dem Hei nun existenzbedrohend zusetzt. Es zeigt sich, dass die Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen für das Begegnungszentrum, in dem Angestellte, Honorarkräfte und Ehrenamtliche Besuchern beim Selbstreparieren helfen - als gelebtes Gegenmodell zum gedankenlosen Wegwerfen und Neuanschaffen. Um dieses Modell wäre es in der Tat schade. Das Hei nun dichtmachen zu müssen, wäre nicht bloß ein fatales Symbol, sondern ein echter Verlust.

In jeder Krise steckt eine Chance, sagt man. Die könnte man jetzt nutzen, ein Umzug des beengt untergebrachten Hei in größere Räume etwa im Werksviertel war schon Gegenstand von Gesprächen. Dass die Probleme des Hei nicht an der mangelnden Nachfrage liegen, hat der Aufschwung der vergangenen Jahre gezeigt: Zwischen 2006 und 2017 war die Zahl der Kursbesucher um mehr als 230 Prozent auf etwa 1200 Teilnehmer gestiegen. Diese Zahlen lassen sich natürlich nur im urbanen Umfeld bei sehr guter Verkehrsanbindung halten. Auch die Zuschussgeber werden sich nicht zurückziehen dürfen. Die von Hei-Chef Rainer Wirth überlegte Einbindung von mehr Ehrenamtlichen könnte als finanziell messbarer Beitrag des Hauses einen erfolgreichen Relaunch noch befördern.

Wer jetzt einer Schließung des Hei das Wort redet, vernichtet nicht zuletzt viel ehrenamtliche Arbeit - sondern schadet der Idee der Nachhaltigkeit erheblich.

© SZ vom 04.08.2020

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