Kommentar Würde ist mehr als nur ein Bett

Mit ihrem Schutzprogramm für Obdachlose hilft die Stadt Menschen, die nichts mehr im Leben haben. Diese Geste ist in Deutschland einzigartig. Und doch ist es das Mindeste, was München für die Ärmsten der Armen tun kann

Von Thomas Anlauf

Es ist eine große menschliche Geste. Obdachlose können künftig ganzjährig kostenlos in einem Haus der ehemaligen Bayernkaserne übernachten. Sie bekommen dort ein sauberes Bett und können sich duschen. Der Münchner Stadtrat hat am Dienstag mit großer Mehrheit beschlossen, das Kälteschutzprogramm für Menschen ohne Bleibe auszuweiten, damit von Mai nächsten Jahres an niemand mehr auf der Straße schlafen muss. Die Stadt bietet Menschen Schutz, die sonst vom Staat nicht geschützt werden. Menschen, die nichts mehr im Leben haben und durch alle sozialen Raster fallen. Diese Geste ist in Deutschland einzigartig. Und doch ist es das Mindeste, was München für die Ärmsten der Armen tun kann.

In der Stadt leben nach jüngsten Schätzungen des Evangelischen Hilfswerks 1000 Menschen auf der Straße. Aus ihrer Not heraus, dass sie in ihren Heimatländern, allen voran Bulgarien und Rumänien, kaum Chancen haben, zu überleben, hausen sie im wohlhabenden München unter Brücken, vor Kirchen und in Parks, um meist für einen Hungerlohn zu schuften. Ja, die Menschen unter den Brücken arbeiten oft hart, damit Bürofenster blitzen vor Sauberkeit, damit Hotelbetten blütenweiß sind, damit schicke Neubauten in den Himmel wachsen. Diese Menschen sind keine Last für die Gesellschaft, sie arbeiten, um zu überleben - oft genug in ausbeuterischen Jobs, damit wir es im Alltag bequemer haben.

Das Mindeste ist es, diesen Menschen Würde zu geben. Sie sollten nicht nur für die Nacht eine Decke und ein dünnes Bett bekommen, sondern sie sollten unbeachtet ihrer Herkunft so schnell wie möglich ins Sozialsystem integriert werden. Damit sie auch einmal in einer wirklichen Wohnung leben können und nicht tagsüber auf der Straße. Das kann zwar nur über Landes- oder Bundesgesetze geregelt werden. Dennoch sollte die Stadt alles tun, um Obdachlosen, die hier arbeiten wollen, mehr als nur das nackte Überleben zu sichern. Diese Menschen sollten auch mal tagsüber im Warmen bleiben und sich auch in halbwegs privater Sphäre einen Tee kochen können. Das wäre wahrer Humanismus.