Kommentar Respekt ist der Türöffner

Wenn es um Lärm im öffentlichen Raum geht, muss man miteinander reden, denn nur im Dialog lässt sich eine Lösung für ein gutes Miteinander finden

Von Nicole Graner

Das Quartier am Ackermannbogen ist ein sehr schönes. Es hat Dinge, die andere urbane Wohngemeinschaften nicht haben: viel Platz, Grünflächen, einen Brunnen, einen Platz der Stille, einen Stadtgarten, die Nachbarschaftsbörse, Kulturräume - und vor allem ein reges, nachbarschaftliches Miteinander. Darauf ist man stolz am Ackermannbogen. Und doch bekommt es dann plötzlich Risse, weil junge Menschen Plätze mit Leben erfüllen, ja, und auch laut sind in lauen Sommernächten. Egal, ob sie aus der weiter entfernten Nachbarschaft kommen oder direkt aus dem Quartier.

Es sind Jugendliche, die nach Freiraum suchen, sich entfalten wollen - ohne das Gefühl zu haben, "bewacht" zu sein. Ihr Freiraum darf den Freiraum der Anderen nicht beeinträchtigen. Respekt muss oberste Priorität haben, wenn es um das Feiern und das Erwachsenwerden auf der einen, den kostbaren Schlaf der Mitmenschen auf der anderen Seite geht. Und umgekehrt: Vielleicht lohnt es sich doch, Ängste, Wut und Vorbehalte über Bord zu werfen und mit den Jugendlichen zu sprechen - anstatt sie gleich anzuschreien und die Polizei zu holen.

Das Jammern so mancher Erwachsenen im Ackermannbogen ist ein Jammern auf hohem Niveau. Weil es eben eher ein ruhiges, sicheres Quartier ist, wie die Polizei sagt. Trotz seiner 7000 Einwohner. Und weil es nun mal ein urbanes ist - mitten in der Stadt. Wer hierher gezogen ist, kann nicht ernsthaft geglaubt haben, in einem kleinen Dorf zu leben, in dem um 21 Uhr schon die Lichter ausgehen. Wer hier wohnt, weiß um das enge Miteinander, um den hohen Familienanteil. Wer sich hier an lachenden Kindern stört, die fröhlich am Stadtplatz spielen, wird auch das Kikeriki im Dorf lästig finden.

Aber ein Schritt ist schon gemacht, dank einer weisen Idee des Teams der Nachbarschaftsbörse. Bevor Gespräche gar nicht mehr möglich sind, muss es um das Verständnis füreinander gehen, um das Bewusstwerden der Wünsche und Sehnsüchte des Anderen. Der Dialog mit allen hat schon mal gut geklappt und folgendes aufgezeigt: Jugendliche haben sehr wohl konstruktive Ideen, lassen mit sich reden und sind bereit, für ihren Freiraum zu kämpfen, aber auch etwas dafür zu tun. Und sie haben gespürt, dass Respekt der Türöffner ist für ihr Werben um einen Platz im Quartier oder für ein abendliches Treffen auf einer Sitzbank. Die Risse im Generationenkonflikt sind damit leicht zu kitten. Wenn man will. Und wenn sich die Großen erinnern, dass sie auch mal jung waren.