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Kommentar:Nichts dazugelernt

Viel Platz ist nicht nicht zu verteilen. Und Wohnungen - die braucht eine Stadt wie München dringend. Von einem Mangel an Bürokomplexen wird dagegen wohl kaum einer sprechen.

Von Stefan Mühleisen

Ein neuer Investoren-Trend lässt sich wohl nicht ablesen, eine Tendenz aber wohl schon: die Tendenz, sich komplizierte Planungs- und Genehmigungsverfahren für Wohnungsbauprojekte zu sparen - und stattdessen einfach Büros zu errichten. Diese Haltung will die Firma Siebengebirge zwar nicht bestätigen, dennoch ist es naheliegend, dass solche Gedanken das Management dazu geführten haben dürften, auf dem ehemaligen Zündapp-Gelände den Wohnungsbau abzublasen und nun "Gewerbenutzung" anzustreben. Das sollte für Stadtpolitik und Verwaltung endlich ein Weckruf sein.

Es zeigt sich, dass die Stadtverwaltung sich nicht genügend ins Zeug legt, um einen Investor für ein Wohnungsbauprojekt zu erwärmen - wieder einmal. Offensichtlich ist der Tatendrang nach dem Paukenschlag in der Parkstadt Schwabing im vergangenen Herbst gleich wieder eingeschlafen: Da war man im Rathaus schier schockiert von der Entscheidung Helmut Röschingers, Chef der Argenta, dem größten Grundstückeigentümer der Parkstadt, die Restflächen nicht mit 800 Wohnungen, sondern größtenteils mit Bürogebäuden zu bebauen. Röschinger gab sich entnervt von einem neun Jahre langen Planungsprozess; die Behördenspitze räumte Fehler ein. Man habe es so nicht kommen sehen, man werde daraus lernen, hieß es.

Der aktuelle Fall ist freilich anders gelagert: Röschinger schmiss wegen des als frustrierend empfundenen Planungsprozesses hin, Siebengebirge befürchtet wohl nur, dass ein solcher ansteht. Ein prophylaktischer Strategieschwenk also: der Geräusch- und Geruchsausstoß des Nachbarn Qualcomm als allzu risikoreiches Hindernis, langwierige (und teure) Gutachten und daraus resultierende (wieder teure) Schutzmaßnahmen. Dann lieber Büros, das ist unkompliziert und bringt soliden Profit, mag sich die Firma gedacht haben.

Dass es so kommen könnte, hat das Planungsreferat kommen sehen, kam aber kaum in die Gänge. Die Behörde wusste von den Bedenken, habe sich "um Vermittlung bemüht", wie es heißt. Soll es das sein, was man aus Röschingers Kehrtwende zu lernen gelobte? Wer sich stets nur bemüht, liefert de facto eine ungenügende Leistung, zumal sich die Einschätzung der Problemlage mit dem Prädikat "unproblematisch" aus unternehmerischer Sicht als falsch erwies. Die Verwaltung muss derlei private Projekte intensiver betreuen, sie muss engagierter, beherzter, überzeugender agieren, um Investoren vom Büros-statt-Wohnungen-Schwenk abzuhalten - sonst wird das zum Trend.

© SZ vom 15.09.2020

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