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Kommentar:Kollektiv abgestraft

Eiligst haben die Freien Wähler neue, unbelastete Kandidaten für den Neuhauser Bezirksausschuss gesucht. Sie könnten damit ein Eigentor geschossen haben

Auch wenn die Abberufung des Kinderbeauftragten im Bezirksausschuss Neuhausen-Nymphenburg für den bisherigen Amtsinhaber Thomas Neuberger womöglich am Ende doch eine Überraschung war: Unerwartet kommt sie nicht. Die Lokalpolitiker im Stadtteilgremium mochten den Anlass für die Abwahl, die Buchung einer Stripperin für die Weihnachtsfeier des Matrosenchors, zwar möglicherweise nicht durch die Bank so verwerflich gefunden haben, dass sie den harschen Schritt allein gerechtfertigt hätte. Dass die Aktion in Anwesenheit der Matrosen-Familien aber ausgerechnet jemand zu verantworten hatte, der den Bezirksausschuss als Kinderbeauftragter vertrat, dürfte die am Ende deutliche Abstimmung vermutlich ebenso beeinflusst haben wie Neubergers missglückt-burschikose Vorwärtsverteidigung.

Während man den Kollegen im Stadtteilgremium nicht vorwerfen kann, mit ungebührlicher Eile über Neuberger den Stab gebrochen zu haben - sie haben den Vorfall einfach in der nächsten Sitzung auf die Tagesordnung der nichtöffentlichen Sitzung gesetzt -, haben die Freien Wähler jedenfalls ein Eigentor geschossen. Sie haben den Konflikt in ihren Reihen offenkundig nicht ausreichend ausgetragen, sondern eilig neue, unbelastete Kandidaten für den Bezirksausschuss gesucht, an allen Parteifreunden Neubergers vorbei, die damit zugleich kollektiv abgestraft wurden. Dass nun aus ihren Reihen nachgetreten wird, muss niemanden wirklich verwundern. Das Timing - unmittelbar vor dem Ende der Einreichungsfrist - ist nun denkbar problematisch.

Ob eine Anfechtung formal korrekt eingereicht worden ist, ob sie am Ende Erfolg hat oder nicht, wird sich dabei erst noch herausstellen. Den im Mai anstehenden politischen Neuanfang in Neuhausen-Nymphenburg haben sich die Freien Wähler jedenfalls unnötig schwer gemacht - wenn es diesen Neuanfang nun überhaupt gibt. Und was wird jetzt aus dem ehemaligen Kinderbeauftragten? Sollte Thomas Neuberger seine Niederlage tatsächlich so leicht nehmen, wie er sagt, hat sich sein Bekanntheitsgrad zumindest ordentlich erhöht. Ob ihm das für die Stadtratskandidatur genügend Rückenwind verschafft, von Platz zehn nach vorne durchzustarten, werden die Münchner zu entscheiden haben.

© SZ vom 23.01.2020
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