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Kommentar:Geld geht vor Umweltschutz

Der Forst Kasten ist die wichtigste grüne Lunge für München. Die Erkenntnis, dass den finanziellen Interessen nicht alles untergeordnet werden muss, kommt leider sehr spät

Von Thomas Anlauf

Nur einmal angenommen, ein Unternehmer würde am Flaucher im großen Stil Kies aus der Isar baggern wollen. Und die Stadt würde dem zustimmen, weil ein Teil des Erlöses aus der Verpachtung einem Altenheim zugute käme. Nein, das ist unvorstellbar, der Aufschrei in München wäre gewaltig. Ein anderes Naherholungsgebiet ein paar Kilometer westlich erlangt da bislang nicht so viel Aufmerksamkeit. Im Forst Kasten, ein uralter riesiger Wald zwischen München und dem Würmtal, soll ein Kiesunternehmen demnächst wieder einmal Tausende Bäume fällen dürfen, um Kies aus dem Untergrund zu schürfen. Dort radeln und spazieren an Wochenenden unzählige Menschen und genießen die Natur. Der Wald ist ein wichtiges Biotop und die wichtigste grüne Lunge für die Stadt. Doch der Protest hält sich in Grenzen, zumindest im Rathaus am Marienplatz. Der Wald scheint weit weg.

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In den vergangenen Jahren hat der Sozialausschuss des Stadtrats immer wieder grundsätzlich zugestimmt, dass dort weiter gerodet und ausgekiest wird. Schließlich geht es um die Finanzen der ältesten Stiftung der Stadt, der Heiliggeistspital-Stiftung. Erst in den vergangenen zwei Jahren bemerkten die Stadträte, dass es wohl doch nicht mehr so zeitgemäß wäre, Teile eines Waldes für einen guten Zweck zu roden. Doch sie werden dem wohl zustimmen, weil sie sich als Stiftungsorgan dazu gezwungen fühlen.

Die Erkenntnis der Politiker, dass nicht alles dem wirtschaftlichen Ziel der Stiftung untergeordnet werden muss, wenn es um Klima- und Naturschutz vor der Haustür geht, kommt leider ziemlich spät. Sie hätten schon lange darauf dringen können, dass Gesetze entsprechend geändert werden. Jetzt bleiben wohl nur noch Landtag und Gerichte, die die Rodung stoppen könnten.

© SZ vom 14.05.2021