Süddeutsche Zeitung

Kommentar:Die Gentrifizierung ist absehbar

Einige Anwohner wollen, dass der Schlachthof, falls die Stadt keine Modernisierung in Gang setzt, verschwindet. Das könnte schneller passieren, als sich mancher vorgestellt hat

Von Birgit Lotze

Bei deutschen Schlachthöfen hapert es derzeit an vielen Ecken und Enden. Das Coronavirus hat die Gefahren aufgezeigt. Schlachthöfe gelten als Hotspots wegen mangelnder Abstände, unzureichender Belüftung und wegen eines Systems von Werkverträgen, die die auf Zeit beschäftigten Arbeiter in Wohnanlagen halten, wo sie die Regeln kaum befolgen können.

Die Münchner schert das vergleichsweise wenig, obwohl ihr Schlachthof mitten in der Stadt liegt. Der Bewohner ist stolz auf sein Schlachthofviertel, es ist eben nicht Gärtnerplatz, nicht Gentrifizierung. Wo geschlachtet wird, da geht es rau zu, da muss man nicht unbedingt wohnen. Man hört - aus einigen Metern Abstand - das Quieken der Schweine, die Schreie der Rinder, erträgt die Tierquälerei, die vielen Lkw-Transporte - auch nachts. Auch die Politiker im Stadtviertel bekennen sich zum Schlachthof. Verschwindet er, wird das Viertel zum Objekt für Spekulanten, die Mieten steigen exorbitant, so ihr Credo.

Doch derzeit stinkt's - nach Blut, Eingeweiden und nach Aas. Die Stadt ist Vermieter und Kontrolleur und bekommt das Problem seit einem Jahr nicht in Griff. Das weckt die Anwohner auf, mehr als Corona. Die wiederkehrenden Schwaden, die das schöne Essen vergällen und zu geschlossenen Fenstern nötigen, legen manche Nerven blank. Einige machen Druck, wollen, dass der Schlachthof, falls die Stadt keine Modernisierung in Gang setzt, verschwindet.

Das könnte schneller passieren, als sich mancher vorgestellt hat. Der Bauch der Stadt, wie Großmarkt und Schlachthof mit dem ehemaligen Viehhof genannt werden, ist in die Jahre gekommen. Dass jemand bereit ist, für eine Sanierung noch viel Geld in die Hand zu nehmen, ist unwahrscheinlich. Nicht die Schlachtbetriebe angesichts von Mietverträgen, die spätestens in 20 Jahren auslaufen. Sie haben 2016 schon klargemacht, wo sie ihre Zukunft sehen, als sie mit Aschheim über moderne Fleischfabriken verhandelten. Auch die Stadt wird sich nicht finanziell engagieren. Zum Bleiben werde man die Schlachter nicht drängen, sagte schon Axel Markwardt, Kristina Franks Vorgänger als Kommunalreferats-Chef. Gehen die Schlachter, kann die Stadt die Bebauung von Viehhof und Schlachthof gemeinsam planen.

Ob diese schnelle Entwicklung zu begrüßen ist, ist fraglich. Auf dem Großmarktgelände wird schon geplant. Schon jetzt steht fest, dass dort Tausende Wohnungen und auch Büros entstehen - zu Lasten der von Anwohnern geschätzten Weite. Mehr Gesichtslosigkeit, weniger Flair. Die Bebauung des Viehhofs - er allein ist mit sieben Hektar so groß wie zehn Fußballfelder - hat bereits begonnen. Wird der Schlachthof abgerissen, wird das Kreise ziehen. Einige scharren schon: Sogar seitens des Bundes, aktuell ist davon nicht mehr die Rede, gab es Überlegungen, das angrenzende Arbeitsamt an der Kapuzinerstraße in Wohnungen verwandeln.

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SZ vom 05.08.2020
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