Kommentar Das Ende einer Illusion

Eine unbequeme Wahrheit wird die Stadtbevölkerung schlucken müssen: Will München an seinen Autos nicht ersticken, führt über kurz oder lang an Einschränkungen des motorisierten Individualverkehrs kein Weg vorbei

Von Jürgen Wolfram

Wie verheißungsvoll das klingt: Verkehrskonzept Münchner Süden. Da suggeriert schon der Titel eine Fülle von Lösungsvorschlägen für Mobilitätsprobleme. Wenn man dann noch weiß, dass Experten an diesem Kompendium fünf Jahre lang gefeilt haben und seit Monaten alle verkehrspolitischen Debatten unter Hinweis auf das baldige Erscheinen des vermeintlichen Wunderwerks gebremst worden sind, könnte das Urteil in Anbetracht des Inhalts ernüchternder nicht ausfallen. Denn die Studie zeigt mitnichten Wege aus einer vielschichtigen Misere auf, sondern dokumentiert allenfalls den Status quo. Viel Wortgeklingel statt handfester Verbesserungen, Vertröstungen statt adäquater Reaktionen auf akute Sorgen. An Ideen enthält sie nicht einmal das Naheliegendste vom Naheliegenden. Wie eine Empfehlung zur oft geforderten Taktverdichtung der Buslinie 134. Oder konkrete Anregungen zur Optimierung des Radwegenetzes in den Vierteln des Stadtrands.

Man kann die Enttäuschung der Bürger aus dem Münchner Süden über das Ende einer Illusion verstehen. So wie sich der Ärger über die Informationsveranstaltung in Fürstenried nachvollziehen lässt, bei der die Infos im Wesentlichen in der Offenbarung bestand, vorerst keine Lösungen zur Hand zu haben. Eine klägliche Vorstellung, ganz gleich, ob primär die Politik dafür verantwortlich ist oder die Verwaltung. So oder so dürfte sich bei den Leuten der Eindruck verfestigt haben, dass ihre Stadt vor den Herausforderungen auf Straßen und Schienen kapituliert, ihre Leidensfähigkeit also weiterhin strapaziert werden dürfte. Nicht zu überhören: Beifall brandet dann auf, wenn jemand nachfragt, wie die Genehmigung großer Bauvorhaben zum Ziel der Verkehrsentlastung passe. Klingt in der Tat nach der Quadratur des Kreises. Es soll Gutachter in städtischen Diensten geben, die das nicht weiter irritiert.

Eine unbequeme Wahrheit wird die Stadtbevölkerung schlucken müssen: Will München an seinen Autos nicht ersticken, führt an Einschränkungen des Individualverkehrs kein Weg vorbei. Recht haben die Fachleute ebenso, wenn sie vor punktuellen Erleichterungen warnen, die ein paar Straßen weiter zu Belastungen führen. Ein altbekanntes Dilemma. Fast so vertraut wie der Mensch in seinen Widersprüchen: heute empörtes Verkehrsopfer, morgen wieder selbst am Steuer.